Von Vätern und Brüdern

Der ehemalige französische Europa-Abgeordnete Roger-Gérard Schwartzenberg nennt in seinem Buch „Politik als Showgeschäft“ vier Männertypen (und drei weibliche), die in der Politik erfolgreich sind: den Vater, den Helden, den Technokraten und den netten Herrn von nebenan.

Bruno Kreisky beispielsweise war – vom Reden wie von der Optik – eine typische Vaterfigur, ebenso Raab und Gorbach. Helden hatten wir in Österreich in der Zweiten Republik keine – so wie Frankreich Charles de Gaulle – das ergibt sich aus unserer Zeitgeschichte; der Heldenansatz, den Josef Cap mit seinen drei Fragen an Burgenlands Landeshauptmann Theodor Kery präsentierte, verschwand in den Jahren darauf infolge seiner Selbstdarstellung als Hyperintellektueller – sowas kommt in der Sozialdemokratie nicht gut an. Das bekam auch Alfred Gusenbauer zu spüren …

Technokratie hingegen wird bewundert: Vranitzky, sogar Klima und jetzt Kern können sich des devoten Vertrauens sicher sein – von allen, die annehmen, dass diese klüger sind als sie selbst, auch wenn es sich nur um sektorales Fachwissen handelt … denn das sind die Erwartungen „politischer Kinder“ an Väter und große Brüder: Dass sie beschützen, Angreifer verjagen, Bruch und Ruin reparieren … auf jeden Fall aber wissender sind. Manchmal folgt dann Entsetzen, wenn dieses „wissendere Wissen“ nur zum eigenen Vorteil ausgenutzt wird … wie von manchen Ex-Ministern. Getilgte Strafen darf man nicht vorhalten.

Nach Fred Sinowatz folgte mit Werner Faymann wieder ein netter Herr von nebenan – aber eben kein Vater, kein Technokrat und schon gar nicht ein Held. Auch kein Diplomat oder Visionär – eher ein gut trainierter Verkäufer der Botschaften seiner Spindoktoren. Aber wenigstens diese müssten Visionäre sein … waren sie aber nicht. Diese Tradition ist in der SPÖ mit Kreisky abgerissen: Er verließ sich nicht nur auf zwei, drei Leute in allernächster Umgebung, sondern förderte Vordenker aus den unterschiedlichsten Disziplinen, nahm sich auch Zeit, mit diesen zu diskutieren und wusste auch kritische  Bereicherung zu schätzen. Bei der ÖVP war Wolfgang Schüssel Visionär, aber auch Technokrat.

Nun wird wieder ein Technokrat die Geschicke des Landes lenken, und da das eine Managementaufgabe ist, ist mit schrittweisen Erfolgen zu rechnen – auch bei den Bürokraten in den Ministerien. Aber als Parteivorsitzender braucht man andere Qualitäten: mitreißende neue Ideen. Zumindest aber die Fähigkeit, solchen Personen zuzuhören, die solche Ideen und außerdem mehr als Boulevard-Niveau haben – aber diese haben sich in den letzten 15 Jahren enttäuscht zurück gezogen. Personalentwicklung war schon zu meiner Zeit keine Agenda in der SPÖ – dafür hatte man ja seine Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern … nur wenn zwei ein Paar waren, wurde und wird plötzlich (Schieder und Wehsely) ein Teil davon diskriminiert, was ich nicht richtig finde. Deswegen bin ich für öffentliche Hearings mit Monitoring.

Auch bei der Bundespräsidentenwahl kehren aktuell die Schwartzenberg’schen Typen wieder: Van der Bellen ein Technokrat mit Vateranklängen, Hofer ein scheinbar netter Mann von nebenan.

Bei Frauen, schreibt Schwartzenberg, reüssieren vor allem Mütter (Waltraud Klasnic), Technokratinnen werden subtil behindert (Heide Schmidt, Gaby Burgstaller) und Heldinnen landen wiederholt auf dem medialen Scheiterhaufen (Johanna Dohnal). Die nette Frau von nebenan hingegen wird nicht ernst genommen – außer um die Quote zu erfüllen.