Stimmzauber

Ich soll eine psychologische Expertise für die Dating-App „whispar“ abgeben, das sich von der Konkurrenz dadurch unterscheidet, dass man der Stimme zuhören kann.

Hoffentlich ist es die echte … denken wir nur an Edmond Rostands Versdrama „Cyrano de Bergerac“ (1897), in dem der wegen seiner überdimensionalen Nase unattraktive Titelheld versteckt mit seiner betörenden Stimme seine eigenen Liebesgedichte an Stelle des tölpelhaften Anbeters der Geliebten vorträgt …

Bekanntlich bedeutet nicht nur im Tierreich die Stimme einen männlichen Balzvorteil. Das erklärt, weshalb optisch wenig auffallende Männer auf viele Frauen anziehend wirken: Es ist nicht die konkrete Macht von Politikern wie etwa Henry Kissinger, sondern es ist die Macht der Stimme (die aber auch vom sicheren Status der Machtvollkommenheit Entspannung hervorruft). Das wissen auch alle, die Männerchöre strategisch einsetzen … Umgekehrt wird von den Verführungsgesängen der Sirenen oder der Loreley erzählt, die Schiffer so betörten – zu Toren machten – dass ihre Schiffe mangels nautischer Aufmerksamkeit an den Felsen zerschellten. Von Telefonsex soll hier schamhaft geschwiegen werden …

Es liegt wohl an der – hoffentlich beruhigenden – Stimme der Mutter, auf die bereits das Ungeborene „konditioniert“ ist und daher auch späterhin auf diese Art von Melodie unbewusst meist mit Verschmelzungswünschen reagiert. „Alternative“ Töne haben hingegen konträre Wirkung. So beschreibt Michael Nast in seinem köstlichen Männerenttarnungsbuch „Generation Beziehungsunfähig“ den Schock des erwartungsfrohen Daters, der das Objekt seiner Begierde nur per Mail kennt, beim ersten realen Zusammentreffen: „… es gibt Dinge, die einer Frau sehr schnell ihre Attraktivität nehmen können. Ein tiefer Dialekt gehört dazu.“ (S. 199)

Auch Männern, ergänze ich. Und da muss es nicht einmal Dialekt sein. Befehlston genügt.

Ich selbst bin ja keine Befürworterin von diesen neuen Kuppeleinrichtungen. Die alten – personifiziert durch Heiratsvermittler_innen – hatten ja Sinn in einer Zeit mangelnder Mobilität und Verbannung von Frauen in die häusliche Atmosphäre, Kirchgang und Tanzveranstaltungen ausgenommen. Heute gibt es reichlich Gelegenheit, immer wieder mit neuen Bekanntschaften in Kontakt zu kommen – vorausgesetzt man leidet nicht an einer Sozialphobie (und die hat biographische Verursachungen). Woran aber viele leiden ist Zeitmangel – und da gibt es eine Geschlechterdifferenz: Während sich die meisten Frauen nach romantischem Tändeln sehnen (was ihrer Art des Erregungsaufbaus entspricht), zeigt sich das klassische (militärische) Männerrollenbild auf schnelle Aktion programmiert. Die wohltrainierte Stimme kann dennoch Entspannung und „alle Zeit der Welt“ suggerieren.

Ich sehe schon den Stimmtrainingsboom heran kommen … und daher viele neue Start-up-Unternehmen.

Da aber nicht nur Seele und Geist den Körper bestimmen, sondern auch umgekehrt der Körper den Geist und die Seele, bleibt zu hoffen, dass mit größerer Entspannung der Stimmbänder auch eine größere Herzöffnung einhergeht.