Sex im Gehirn

Kaum taucht eine ältere Dame wie Bürgermeisterswitwe Dagmar Koller (77) an Seite, Arm oder Wange eines jüngeren Mannes (im konkreten Fall: 37) auf, wird schon gerätselt: ein neuer Lover? „Neuer Lebensmann“ jubelt der Boulevard, und derjenige plaudert (angeblich): „Jetzt hat sie ihre Lebenslust zurück“. Ganz schön überheblich, der junge Mann!

In einer meiner PR-Ausbildungen – war es in der SPÖ, dem Verein Jugendzentren der Stadt Wien, in der eigenen Akademie (www.salutogenese.or.at) oder im Verlagsbereich, ich weiß es nicht mehr – habe ich gelernt: Um in die Medien zu kommen, muss man ein „Erstes“ oder „Letztes“ Mal liefern, einen Skandal oder ein Wunder. Was also ist der Kern dieser obigen Meldung? Legt sich die kinderlose Diva erstmals einen quasi Adoptivsohn zu wie Erika Pluhar oder Elfriede Ott? Oder sind diese Auftritte „das Letzte“? Soll da ein Skandal à la „Oldie fällt auf Heiratsschwindler herein“ herbeigeschrieben werden? Oder soll es als Wunder dargestellt werden, wenn auch mal eine Frau sich nicht um 40 Jahre Generationenabstand schert?

Dass es vielleicht an Persönlichkeit, interessanter Berufsprofessionalität und angenehmen Wesen liegen könnte, dass sich wesentlich Jüngere gerne mit Angehörigen ihrer Eltern- oder Großelterngeneration austauschen, sollte eigentlich bekannt sein – und heute gibt es eben nicht nur interessante schöne alte Männer, sondern auch schöne alte Frauen.

Aber für manche Medienmacher gilt es vor allem irgendetwas Besonderes gleichsam als Trüffel aus dem trivialen Alltagsbrei von „Wer hat mit wem Sex?“ heraus zu wühlen. Gleichzeitig wird unterstellt, dass in jedem Alter „Sex gemacht“ bzw. „gehabt“ werden muss. Dass es so erfüllte Liebesbeziehungen gibt, dass man davon über den Tod des Partners hinaus so voll ist, dass für jemand Neuen kein Platz ist, wissen nur die wenigen, die das erlebt haben. Bei Osho kann man es nachlesen („Sex – das missverstandene Geschenk“, Goldmann), auch bei mir („Heute schon geliebt? Sexualität und Salutogenese“, edition roesner).

Insofern finde ich es auch geschmacklos, in der Biographie von Papst Johannes Paul II. nach Sexabenteuern zu schnüffeln.