Seniorenmut

Dass sich die pensionierte OGH-Präsidentin Irmgard Griss das Bundespräsidentenamt zutraut, erfreut mein feministisches Herz – immerhin habe ich in der Zeit, als ich selbst Kommunalpolitikerin war, in allen frauenspezifischen Schulungen gehört, wir sollten uns doch mehr zutrauen und nicht zögerlich sein – die Männer sagten doch zu jedem Angebot Ja, selbst wenn dieses nur scherzhalber an sie herangetragen würde und alle wüssten, dass sie nicht qualifiziert seien.

Ich erinnere mich noch gut, wie der damalige Wiener Planungsstadtrat Ing. Fritz Hofmann – berühmt geworden, weil  er nach dem Einsturz der Reichsbrücke 1976 zurücktreten musste – bei einer Frauentagung in der Steiermark vom Rednerpult aus verkündete, eine Frau, die in der Politik Karriere machen wolle, müsse nicht nur fachlich kompetenter sein als die männlichen Mitbewerber, sondern auch so schön, „dass man sie jederzeit über einen Laufsteg schicken könne“.

Es ist noch nicht so lange her, dass Personen als Mandatare in den politischen Kampf geschickt wurden, die primär als TV-JournalistInnen oder SpitzensportlerInnen bekannt waren. Bei manchen ging das schon in kurzer Zeit total daneben – denken wir nur an Patrick Ortlieb – und manche übertrafen in Haltung und Amtsführung sogar alle positiven Erwartungen wie die allzu früh verstorbene Liese Prokop. Und bei manchen wäre noch viel mehr Erfolg drinnen gewesen, aber die parteiinterne Neidgenossenschaft ließ sie nicht in die erste Reihe wie etwa bei Josef Broukal.

Von dem Psychoanalytiker Karl Abraham stammt ein Essay über die „determinierende Kraft des Namens“. Dass also jemand, die Griss heißt, sich nicht davor scheut, für eine Funktion ein Griss an den Tag zu legen, scheint vorherbestimmt. Das macht Mut – vor allem in Hinblick darauf, dass sie als im Jahr 2016 – dem Jahr der Bundespräsidentschaftswahl – 70jährige den Weg einer Newcomerin gehen will.

Und dennoch frage ich mich, ob sie sich bewusst ist, was sie da anpeilt. Moralische Appelle wird sie sicher genau so gut von sich geben wie der unvergessene Rudolf Kirchschläger. Und Eröffnungsreden halten wird auch gehen– die schreiben sowieso Spindoktoren wie sein seit Jahrzehnten unentbehrlicher Bruno Aigner für Heinz Fischer oder der hochgebildete und studierte Orientalist Heinz Nußbaumer für Waldheim und Klestil. Aber wie wird es bei Wirtschaftsverhandlungen im arabischen Raum ablaufen? Da sind gestandene Profis aus Politik und Diplomatie gefordert …