Selbstinszenierung

Wie viele Frauen meiner Generation wurde ich noch auf bescheidenes Auftreten hin trainiert. Bestenfalls durften wir anmutig sein. Durchsetzungskraft war verpönt, und Shakespeares „widerspenstiges Käthchen“ als Drohbild – „Sonst bekommst du keinen Mann!“ – allgegenwärtig. Da ich einige Jahre das einzige Mädchen in einem Knabengymnasium war – mit Dispens, denn damals gab es noch keine Koedukation – erhielt ich Doppelbotschaften: die von der Oma und die in der Schule. Die Folge war, dass ich mich zwar in gewohnten, d. h. erlernten Situationen gut behaupten konnte, vor unbekannten aber scheute.

Ich erinnere mich noch gut, wie meine übersichere Mutter, ich im Schlepptau dahinter trappelnd, für mich Rechtswissenschaften immatrikulierte. Diese Schüchternheit habe ich erst Jahre später im Rede- und Diskussions-Training als Funktionärin einer politischen Partei verloren. Ich bin meinen Genossinnen für ihre Ermutigungen sehr dankbar.

In dieser Zeit (1967–1987) lernte ich auch viel über Politinszenierungen. Sie wurden immer „professioneller“ – und als ich mich berufsbedingt aus meiner Mandatarschaft verabschiedete und in den Jahren darauf mit Interesse auch Veranstaltungen anderer Parteien beobachtend besuchte, merkte ich den Unterschied dort, wo echte Profis – Eventmanager und PR-Firmen – die Gestaltung übernahmen. Ende des vorigen Jahrhunderts gab es dann immer häufiger „amerikanische Zustände“: Die Show wurde wichtiger als die Inhalte, und mit der Zeit verstummten auch die parteiinternen Kritiker, denen dieser Stil nicht gefiel. Ich erinnere nur an das gemeinsame Beinchen-Schwingen von Fred Sinowatz und Franz Vranitzky im Wahlkampf 1986, angefeuert von dem Revuestar Marlene Charell, oder an die Alltags-Tauglichkeits-Tests der Bundespräsidentschaftskandidat_innen auf Puls TV im  vergangenen Jahr. Muss man bei allem mit tun, was einem von Spindoktoren und anderen Besserwissern anempfohlen wird? (Ich bin da ein „gebranntes Kind“, denn erst seit dem Tod meines Ehemannes, eines Journalisten und PR-Beraters, 2009 – 3 Wochen vor unserem 40. Hochzeitstag – entscheide ich selbst und allein über meine Öffentlichkeitsarbeit – und daher weiß ich leider nur zu genau, dass man in seinem Beruf anderes gut findet als in meinem.)

Und nun Wels: Da steht ein großer dünner Mann allein auf einem kreisrunden roten Podest, „umzingelt“ von Zuschauern auf Rängen wie in einem Fussballstadion – oder einer Gladiatorenarena ohne Löwen – und redet zwei Stunden, wohleinstudiert wie zugegeben wird. Im Standard (12. 1. 2017) lese ich als Bildunterschrift: „Die Parteifreunde nahmen es [seine Ideen] begeistert zur Kenntnis.“ No na – auspfeifen werden sie ihn! Im Fernsehen werden dann Tage danach Besucheraussagen wiedergegeben, wie sie denn diesen „Auftritt“ gefunden hätten und alle bestätigen, dass er ihnen gefallen hätte.

Mich hätten hingegen die Antworten auf die Frage interessiert, was sie sich von der Zwei-Stunden-Rede gemerkt hatten.

Das habe ich nämlich im Theologie-Studium gelernt: Eine Predigt muss so mit der Lebenswirklichkeit der Zuhörerschaft verbunden sein, dass sie noch Tage darauf über die wesentlichen Inhalte – und als Protestant_innen: womöglich kritisch – nachdenken und ihr Handeln nach eigener Ethik ausrichten.

Irgendwann in den 1980er Jahren war ich auf Einladung einer Freundin mit ihr im Konzerthaus bei einem Vortrag von Thorwald Dethlefsen (1946–2010), dem Autor des Bestsellers „Schicksal als Chance“. Auch er stand ganz allein im Scheinwerferkegel auf der dunklen Bühne und hielt einen perfekt gestylten Zweistundenvortrag. Ich glitt bereits nach einer Viertelstunde in ein leichtes Hypnoid … es fand nämlich kein Energieaustausch statt. (Einen ähnlichen Effekt erzielen auch Power-Point-Präsentationen und Breitwand-Bildschirm, nur gibt das kaum wer öffentlich zu – man will ja modern sein – aber hintennach höre ich immer wieder diese Klagen, und deswegen rede ich nach Möglichkeit immer frei: Ich will mit meiner Zuhörerschaft „in Beziehung“ sein und nicht „in Gloriole“.)

Dieses Phänomen kennen wohl alle Lehrkräfte: Wenn zwischen Lehrenden und Lernenden eine Beziehung entsteht, ist man auch in der 7. Unterrichtsstunde putzmunter. Wenn die Lehrkraft aber nur ihr Plansoll abspielen mag oder aber sich selbst als Dr. Allwissend präsentiert, „bringt“ sie Ihres „nicht rüber“ (genau so wie auch leidenschaftslose Schauspieler oder andere, zu deren Berufsrolle es gehört, andere zu motivieren).

Das Dilemma dabei besteht darin, dass dieser Effekt auch manipulativ hergestellt werden kann – allein durch die Gestaltung des Raumes, die Lichtgebung und natürlich durch die Macht der Stimme.

Das wussten schon die alten Römer, das wussten die Liturgen der römisch-katholischen Kirche, das wussten vor allem die Nationalsozialisten. Hitler nahm ja sogar Schauspielunterricht bei dem Sänger Paul Devrient (1890–1973) und die Fotos seiner Übungen in Mimik und Gestik zeigen alles, was sich dann als Stimmung auf sein „Publikum“ übertrug.

Ich meine: Politiker sollen auf pfauartiges Protzen verzichten und sich stattdessen der Diskussion stellen – daher klare kompakte Aussagen treffen und Dialog zulassen. Das Setting eines nur minimal erhöhten Rednerpults in face-to-face-Ausrichtung mit mobilen Helfern, die das Mikrophon ins Publikum reichen, ist dazu noch immer das demokratischeste.