Schneeberichte

taofrau_schneeberichte_01Endlich gibt’s im Süden Schnee. Endlich kann ich Schi fahren. Seit ich mir meine Zeit frei einteilen kann, beginnt die Schi Saison für mich immer erst Ende Februar. Dafür dauert sie bis April. Am Weg über das Mölltal nach Südtirol machte ich für zwei „Einfahrstunden“ in St.Oswald/Bad Kleinkirchheim halt. Dort fühlte sich der Schnee auf der Piste, eine Mischung aus Kunstschnee und dem frisch gefallenen von vorgestern wie frisch gegossener Beton an.

Um mir nicht gleich am ersten Tag ein Band zu zerren, machte ich bald Pause und kehrte zur Jause auf der Winkler Hütte ein, wo ich früher gerne Rast machte, denn es gab dort gute Selchwürstln mit Brot und Kren, auch  ein wärmendes „Ritschert“, das ist ein Eintopf mit Bohnen und ein wenig Selchfleisch, darauf hatte ich Lust. Ich steckte meine Schi in den Schneebeton und stieg die paar Stufen zur Hütte hinauf, die Tische waren alle  voll besetzt, man hörte alle Sprachen von polnisch über slowakisch bis rumänisch. An der Wand der Hütte prangte ein Schild: „Tagesmenü: Pizza“. Im Inneren der Hütte fand ich einen Platz an einem wackeligen Tisch, auf ihm lag eine Menükarte, am Ende der Liste des angebotenen Fast Foods stand auf Kärntnerisch: „Griaß Enck“. An den anderen Tischen futterten Eltern und Kinder Pizza und Pommes.

Nach einiger Zeit kam der Pächter der urigen Hütte und fragte mich in südosteuropäisch gefärbtem Englisch, was ich zu trinken und zu essen gedenke, weiteres erspare ich meinen Lesern. In diesem Moment wünschte ich mich in meine Kindheit zurück in der es außer den schicken Apres Ski Hütten in denen die Skihasen mit den Skilehrern flirteten für uns Gewöhnliche nur Vatis Auto gab, in dem wir die Jause verzehrten, die uns die Mutter zum Schifahren mit gegeben hatte: dick belegte Jausenbrote, Äpfel und Tee mit Zitrone in einer Thermosflasche. Es stimmt: Schifahren war früher preiswerter als heute, und vielleicht auch deshalb beliebter. Ich möchte es nicht missen: das elegante Kurven über lange breite und steile Pisten, das Schwingen durch frisch gefallenen Pulver, kniehoch, den heißen Tee in der Sonne vor der Hütte, die letzte Talabfahrt im Schuss.
Gibt es heute weniger Schnee als in der Vergangenheit?

taofrau_schneeberichte_02Als ich zum ersten Mal auf Schiern stand, war ich Drei oder Vier und ich lernte das Schifahren in meiner Heimatstadt St.Veit an der Glan, wo es in den Fünfziger und in den Sechziger Jahren so viel Schnee gab, dass man auf den Wiesen rund um die Stadt überall Schifahren und Rodeln konnte. Lifte gab es keine. Wir „brettelten“ die Hänge fest, steckten Tore aus, veranstalteten Schirennen und hatten eine Gaude.

Aufgrund der schneereichen Winter in diesen Jahrzehnten bauten die Gemeindeväter in ganz Österreich Schilifte. Jeder Ort, auch in tieferen Lagen, hatte  einen Schlepplift. Man nutzte ihn von Weihnachten bis März, bis das Tauwetter kam. Zu Ostern musste man höher hinauf. V o r Weihnachten Schi zu laufen wäre niemandem in den Sinn gekommen, auch wenn es genügend Schnee gab. Eine Ausnahme war der Arlberg mit seinem Wedelwochen Angebot in der Vorweihnachtszeit. Die vorsaisonalen Schi-Openings sind eine Erfindung der Schi-Firmen seit den Neunziger Jahren. Nach den schneereichen Sechzigern baute man in den Höhenlagen von 1300 bis 2000 m das Liftangebot aus. Man setzte teure Liftanlagen in den Almboden und überredete die Bauern dazu, Hotels zu bauen und Hütten.

Schon Anfang der 1980iger Jahre begann der Schnee auszubleiben. In den Energieferien in schneelosen Februarmonaten veranstalteten Hoteliers mit Überlebenswillen Wandertage und Yogakurse, denn es gab noch keine Schneekanonen. Die wurden erst, gegen den Widerstand der Umweltschützer, in den Neunziger Jahren angeschafft. Heute stehen die Schneekanonen sogar oben am Mölltaler Gletscher. Die Schneekanonen haben das Schifahren in den schneearmen Monaten Dezember und Jänner wieder möglich gemacht.

Was nicht heißen muss dass es immer weniger Schnee gibt als früher. Es gibt Schnee. Aber es gibt ihn immer später. Und das geht gegen den Trend der Konsumgesellschaft, sie will nämlich immer alles früher, auch früher Schifahren, womöglich schon im November. Dann, im März wenn es überall gut zu fahren geht, will die Konsumgesellschaft nämlich schon Tennis spielen und Rad fahren und sich darüber aufregen, sollte es dafür noch zu nass und zu kalt sein. Die Tourismuswirtschaft stellt sich auf die Konsumenten ein. In vielen Gebieten in denen der Naturschnee erst im März und im April fällt, sind dann schon alle Lifte geschlossen – und auch alle Hotels. Ausnahmen aber gibt es: Im Tiroler Hochgebirge, zum Beispiel in Hochgurgl, läuft der Betrieb bis Mai.