Schlecht erzogen?

Meine Kinder habe ich gut erzogen. Das war zeitintensiv und manchmal mühsam. Aber sie lernten wie man isst, grüßt, einen Raum betritt und wie man sich “Höhergestellten“ gegenüber verhält. Mit Höhergestellten meinte man Menschen die älter sind, vor allem ältere Damen. Die waren über das gute Benehmen der jungen Herren immer entzückt. In Bus und Bahn stand ein jüngerer Mensch für einen älteren auf, wenn alle Plätze besetzt waren. Jetzt, in der U-Bahn stehen nur wenige Jugendliche für einen alten oder kranken Menschen auf, Kinder gar nicht. Niemand sagt es ihnen, auch nicht ihre Mütter, für die das Kind offenbar ein Hascherl ist, das in Schule und Kindergarten so gefordert wurde, dass es bei der Heimfahrt in der Straßenbahn einen ganzen Sitz für sich und die Schultasche braucht. Wenn ich ein älteres „unbegleitetes“ Kind das in der U-Bahn auf sein Handy starrt, während es am Behindertensitzplatz sitzt, anstupse und höflich ersuche, nicht für mich, sondern für den alten, gerade eingestiegenen Menschen Platz zu machen, habe ich es noch nie erlebt, dass ein zehn bis vierzehnjähriger Jugendlicher mir nicht gefolgt oder mir eine blöde Antwort gegeben hätte. Im Gegenteil. Irgendwie scheinen die großen Kids sogar dankbar dafür zu sein, dass man sie wahrnimmt und sich um ihr Verhalten kümmert.

Das ist auch in kleinen Städten so, zum Beispiel in St.Veit an der Glan, wo der Kirchplatz als Treffpunkt der schlecht- oder gar nicht erzogenen Kids ist. Fast alle dieser Kids stammen aus dem sozial schwachen Milieu und aus Ausländerfamilien. Ein dicker, etwa vierzehnjähriger, großgewachsener Junge ist ihr Anführer, er wird von den schwächeren Mädchen und Buben sichtbar als solcher akzeptiert. An ihn wandte ich mich heute, als die ganze Bande am Boden vor meinem Garagentor campierte, alle rauchten. Ein pfiffiger Kleiner war frech, doch schon war der Anführer an meiner Seite, mit dem ich den richtigen Ton fand. Alle standen auf, wir kamen sogar nett ins Reden – und auch hier spürte ich eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass jemand sich die Zeit für ein Gespräch nimmt. Denn eines ist schon klar: Die Jugend, die aus einer anderen Kultur kommt, aus einem anderen Land und einer „bildungsfernen Schicht“ WILL es einmal besser haben, sie will „hinauf“. Man muss es ihnen nur zeigen, wie! Sie wollen Zuwendung.

In einer kleinen Stadt, mit einem Platz, auf dem sich die „Problemkids“ zum Rauchen und vielleicht Biertrinken treffen, ist es leichter, sich ihnen zu zuwenden als im Dschungel der Großstadt. Deshalb ist der Vorschlag, Flüchtlinge in kleinen Städten, wo das bürgerliche Leben eher langweilig ist, anzusiedeln, sehr gut. Man kann sie viel besser überblicken, ihnen leichter helfen und bekommt vielleicht, durch die persönliche Beziehung zu den „neuen Familien“ eines Tages zurück.