Rosengarten

Es war in den Jahren, als mein Alleinerziehertum mich am heftigsten beutelte. Ich musste erkennen, dass die Verpflichtungen, Geld zu verdienen und eine gute Mutter zu sein, unvereinbar sind. Immer zu wenig Kohle, immer zu wenig Zeit, immer im Stress, immer im Rückstand, so sehr du dich auch zerfranst. Bei einem 9-to-5-Beruf ginge das vielleicht noch, aber im Quasi-rund-um-die-Uhr-Job einer Journalistin? Kurzum, ich war wieder einmal total übermüdet, ausgelaugt, überfordert.

Da kam Betty Friedan nach Wien, die Urmutter des US-Feminismus, Autorin des bahnbrechenden Schmökers „Der Weiblichkeitswahn“, eine Generation älter als Alice Schwarzer. Nach der Pressekonferenz im Club Concordia klagte ich ihr mein Leid: „Nun habe ich eigentlich alle Erfordernisse der Emanzipation erfüllt; habe meinen Wunschberuf, mein eigenes Geld, keine Abhängigkeit von einem Mann, eigene Kinder – aber ich fühle mich elend, ausgebrannt, mies. Ich habe mir die Emanzipation anders vorgestellt.“

Betty Friedan, damals schon älter, eine rundliche Dame, blickte mich mitleidlos an:

„Who promised you a rosegarden?“ — „Wer hat Dir einen Rosengarten versprochen?“

Natürlich hatte ich mir vorgestellt, dass wir Frauen des 20. und 21. Jahrhunderts durch die Emanzipation, mit dem Wegfall von Unterdrückung und Abhängigkeit, in einer Art Paradies landen würden — im „Rosengarten“. Wo denn auch sonst? Ich erwartete mir ein fröhliches Leben in einer freien, gerechten Gesellschaft. Daher haderte ich mit Betty Friedan, der Ikone des US-Feminismus, die meinem Traum, als dieser ohnehin schon ramponiert war, den Garaus machte: „Who promised you a rosegarden?“

Heute allerdings weiß ich: Emanzipation garantiert dir kein glückliches Leben, aber ein selbstbestimmtes. Denn immerhin: Niemand hat mir verboten zu studieren, wie den Frauen in Indien. Niemand hat mir einen Ehemann ausgesucht, wie den Frauen in der Türkei und anderswo. Niemandem kann ich die Schuld geben, in diverse Schlamassel geschlittert zu sein. Alle Entscheidungen meines Lebens habe ich selbst getroffen, die guten (der richtige Beruf) und die schlechten (der falsche Ehemann). Das ist das Einmalige, das Besondere an der Emanzipation. Ich trage die Verantwortung für mein Leben alleine, kein Vater, kein Bruder, kein Haushaltsvorstand — ich selbst!

Also doch ein Rosengarten, eben mit schmerzenden Dornen!

Vielen Dank, Betty.