Role Model: Bohnenstange

Im Tanzkurs, beim Krampuskränzchen, überreichte mir der Nikolo ein Geschenk. Es war ein in rotes Papier eingewickelter Ziegelstein mit einem Zettelchen auf dem stand: „Dreimal täglich auflegen. Wirkt garantiert gegen Bohnenstangose“

Ich war ein dünnes und alle anderen Kinder stets überragendes Kind. Ich wuchs und wuchs bis ich, mit vierzehn, die stattliche Größe von 1,79m erreichte und man mich zur Bohnenstange erklärte, die ich ein Leben lang blieb. (Wer noch mehr aus meiner Familiengeschichte erfahren möchte, kann diese in Heimwärts reisen, Verlag Styria nachlesen).

Aber dann kam Twiggy. Die war noch dünner als ich und machte das Dünnsein zur Mode. Mit zwanzig wurde ich von einem Werbefritzen auf der Kärntner Strasse in Wien entdeckt. Und wurde, wie mein Role Model Twiggy, Model. Mein nächstes, mein eigentliches Role Model aber wurde Model Veruschka, die „preußische Gräfin“, die mit ihrem Gardemass von 1,90 m mehr als ein Kleiderständer war. Sie hatte nämlich zu ihrer tollen Figur auch einen klugen Kopf. Sie spielte Kultfilmrollen (z.B. in „Blow up“) und sie erfand das Bodypainting. Sie bemalte ihren Körper und wusch, sehr gescheit, das ganze nach der Performance wieder ab. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich im Schwimmbad voll tätowierte Mädchenschultern und Oberarme sehe. Ich stelle mir die für die Ewigkeit eingeritzten Ornamente auf runzliger Schlabber-Haut vor. Igitt.

Veruschka ist immer noch ein Role Model für mich. Sie wurde Malerin. Hie und da schreitet die heute auf 1.88 m Geschrumpfte noch für einen guten Zweck über den Laufsteg. Was mich betrifft, so bin auch ich attraktiv, trainiert und schlank geblieben und auf 1.77 cm geschrumpft. Wie sie bin ich kreativ. Weltklasse und berühmt wie Veruschka wurde ich nicht. Aber, in meiner Rolle, glücklich und zufrieden.

Von ganz alleine kommt die Schönheit natürlich nicht. Sie kommt übrigens auch nicht aus der Drogerie oder vom Schönheitschirurgen, sondern von Disziplin und Haltung. Von anstrengen statt anmalen. Gerade sitzen. Aufrecht schreiten. Den Bauch einziehen. Das klingt militärisch, irgendwie altmodisch. Preußisch eben. Wer wissen will, was Haltung bedeutet, kann in Wikipedia bei Vera von Lehndorff, „Veruschka nachschlagen.