Rechthaberei

Etwas, wovor wir uns im fortgeschrittenen Alter wohl hüten müssen, ist das Auftrumpfen „Hab ich doch immer schon gesagt!“ Innerlich darf man schon triumphieren – aber das sollte für die Seelenbalance genügen.

Mir ging es letzthin so, als ich auf orf.online erfuhr, dass es nun auf der Wiener Südosttangente rot gefärbte Laternenmaste gäbe.

Lichtmasten bunt anzumalen habe ich bereits in den 1970er Jahren, als ich Kommunalpolitikerin war, vorgeschlagen. Ich wollte mehr Farbe in die graue Stadt – vor allen in den Neubaugebieten am Stadtrand, wo abzuschätzen war, wie lange es brauchen würde, bis die Baumpflanzungen Alleecharakter hervorbringen würden, und außerdem könnte man, so dachte ich, die Himmelsrichtungen zur Orientierung hervorheben … Damals wurde ich nicht ernst genommen. Mein Vorschlag hingegen, Hydranten färbig zu verschönern, wurde umgesetzt – als Schüleraktivität. Daran hatte ich aber nicht gedacht – mir hatte regionale Einheitlichkeit vorgeschwebt – quasi als Signal, in welchem Stadtbezirk man sich befände.

Karl Blecha sagte einmal in Bezug auf Justizminister Christian Broda, einen Schritt dürfe man seiner Zeit voraus sein, aber nicht gleich fünf. Jahrelang habe ich mich gekränkt, wenn dann andere gepriesen wurden, die Jahre später die gleichen Ideen hatten wie ich zuvor. So hatte ich den Einfall, aus Spargründen (in der Familie zwei selbstgemachte „Fresser“ mehr und ein Einkommen – nämlich meines – weniger) die unmodern gewordenen Glockenhosen mittels eng gestrickten gleichfärbigen Stulpen zu „verschlanken“. Zwei Jahre später wurden dies dann modern. Sparsamkeitsideen habe ich noch immer – das ergibt sich aus meiner Generation, das habe ich von Mutter und Großmutter so gelehrt bekommen – aber nicht mehr die Zeit, all das selbst zu produzieren.

Bei mir hatte Blechas Satz Sickerwirkung – irgendwann in den 1990ern habe ich begonnen, meine Ideen in Heften niederzuschreiben und abzuwarten, bis die Zeit vermutlich reif genug wäre. Und wenn jemand anderer mir zuvor kommt, habe ich beschlossen, mich zu freuen, dass es endlich verwirklicht wird. Das ist für alle gesünder als  sich zu grämen, dass wieder eine Chance auf Anerkennung vorbeigezogen ist …