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Nun ist also der erste Wahlgang der Bundespräsidentschaftswahl geschlagen, und die Spitzenfunktionäre der Regierungsparteien sehen die Ursache für das schlechte Abschneiden ihrer Kandidaten in der Suggestivwirkung von Meinungsumfragen. Die (ab)wertenden Kommentare in vielen Zeitungen lassen sie hingegen unbeleuchtet – verständlich, denn wer liebt schon Kritik?

Außerdem: Man könnte sich ja den Zorn dieser „Vierten Macht im Staate“ zuziehen wenn man ihr kontert … Dabei wäre es sinnvoll, auch deren Kommentare kritisch zu hinterfragen – quasi als übermedialen Faktencheck. Denn Journalist_innen wissen sicher, dass eine Behauptung, immer wieder wiederholt, deswegen nicht wahrer wird – wohl aber für wahr gehalten wird.

Zum Beispiel die Kritik an der angeblichen Parteibuchwirtschaft. Die gibt es nämlich schon lange nicht mehr – nicht einmal in Wien. Hier hat die Zuwanderung die Machtverhältnisse massiv verändert: War es Ende des 20. Jahrhunderts noch gang und gäbe, dass der Opa Parteikassier für nahegelegene Wohnungen und womöglich noch einen Job im Rathaus für die Enkerln gesorgt hat, ist beides heute für die Jungen nicht mehr attraktiv. Dafür sorgt schon die Werbung für lebenslanges Lernen für den Beruf wie für Wohnbaudarlehen – oder die Wut, dass man (aus welchen Gründen auch immer) nicht ins Profil des angepassten Staatsbürgers passt. Auch die filmischen Vorbilder propagieren Problemlösungen aus eigener Kraft – als Alleingänger – aber keine Modelle von Zusammenwirken und Zusammenhalt geschweigedenn sinnhaftem Reden als Erfolgsstrategie. Im Wahlkampf war van der Bellen der einzige, der ein „Programm für Österreich“ vorlegen konnte, ein „grünes“ natürlich – aber das wurde medial nicht verstärkt, obwohl Klimawandel und Wirtschaftskollaps dieses Umdenken dringend erfordern. Medial verstärkt wurden Jahrmarktswettkämpfe wie Eierspeiskochen oder Witze erzählen. Beides zählt nicht zum Anforderungsprofil für die Hofburg – aber man kann Punkte vergeben, wie bei der Millionenshow.

Aber nochmals zurück zur Parteibuchwirtschaft, diesmal betreffend Spitzenjobs in Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Ich finde es volksverdummend, den Besitz eines Parteibuchs als quasi einziges Besetzungskriterium ins Rampenlicht zu rücken. Diese Anpassungs-Karrieristen gab es nachdem ersten Wahlsieg Bruno Kreiskys – frei nach Darwins „survival of the fittest“ klassisch präventive Überlebenskünstler. Hatten wir doch schon mal – in den 1930er Jahren … doch heute, wo Geiz geil ist, sind nicht mehr so viele bereit, eine Partei finanziell zu unterstützen – dafür lieber eine Newcomerin ohne Partei und Parteiprogramm sprich pointierte Werthaltung, quasi als caritativem Akt. Ich finde aber, dass Gesinnung kein Makel sein soll sondern ein Erkennungszeichen, und dass man unter Gleichgesinnten besser zusammenarbeitet, sollte schon aus der Herkunftsfamilie bekannt sein … bei allem Misstrauen, das immer auch vorhanden sein sollte. Ich verlange schon lange Transparenz bei Besetzungen – öffentliche Hearings unter begleitendem Monitoring (und nicht Quotierungen, bei denen dann nach dem Kriterium der Anpassungswilligkeit entschieden wird, wie ich es immer wieder beobachten konnte).

In unserem gegenwärtigen Medienzeitalter „punktet“, wer mehr Aufmerksamkeit bekommt – wer „neu“ ist oder „anders“: Beides trifft auf Norbert Hofer – deutlich anders im Sprachstil als die Kampfgermanen seiner Partei – und Irmgard Griss, bei der Frau sein offensichtlich genügt, zu. In der Gruppendynamik unterscheidet man „Führer aus Kompetenz“ und „Führer aus Beliebtheit“. Beides ist kritisch zu hinterfragen, denn beides hat mehr mit Projektionen, subjektiver Selbst- und Fremdeinschätzung und folglich Unterwerfungsbereitschaft zu tun als mit objektiven Kriterien (sofern es solche überhaupt geben kann). Genau deswegen poche ich auf die veröffentlichte und auch nachprüfbare Subjektivität. Leute, die aus dem Nichts auftauchen und keine Zeitzeugen ihrer Biographie nennen, sind mir suspekt – genauso wie die mangelnde Nachwuchspflege in den etablierten Parteien: Dort wäre nämlich Punkte sammeln angebracht.