Projektionen

Unter Projektion versteht man in der Psychoanalyse, eigene Seelenanteile oder Verhaltensweisen von sich abzuspalten und jemand anderem zu unterstellen oder gar vorzuwerfen.

Genau das praktiziert derzeit Erhard Busek, wenn er Andreas Khol vorwirft, er wäre „zu alt“ für das Amt des Bundespräsidenten. Beide sind der gleiche Jahrgang – 1941. Busek war im März 75, Khol wird es im Juli.

Nun könnte man sagen, entscheidend ist die Fitness, also das biologische Alter, und nicht das historische … und in diesem Sinn ist Khol sichtbar der weitaus jüngere. Aber das ist in meinen Augen kein Kriterium.

So habe ich selbst als volkswirtschaftliche Referentin in der Oesterreichischen Nationalbank den ehemaligen Finanzminister Reinhard Kamitz als deren Präsidenten nach seinem Schlaganfall als Lenker der österreichischen Währungspolitik erlebt – und dass die amerikanischen Präsidenten Roosevelt und Kennedy arg körperbehindert waren, sollte auch bekannt sein.

Es ist eher anzunehmen, dass hier alte Animositäten ein Ventil für späte Rache gefunden gefunden haben: Denn Irmgard Griss – Jahrgang 1946, also nur fünf Jahre jünger! – die Busek mit diesem Argument unterstützt – vollendet heuer auch den 70er.

Busek meint, Khol würde wohl nicht die mögliche doppelte Bundespräsidenten-Amtszeit von 12 Jahren erleben …  welch imposanter Weitblick! Projiziert Busek seine eigene Todesperspektive auf Khol? Oder ist – psychoanalytisch gedeutet – vielleicht gar ein Wunsch Vater des Gedankens?

Ich werde heuer 72 und „bestelle mein Haus“ schon seit meinem 65er dankbar für jeden Tag und jeden Monat, in dem ich meine Vorhaben bei guter Gesundheit verwirklichen kann. Mein Rückenleiden, das mich zeitweise zwingt mit Stock zu gehen, habe ich allerdings bereits seit Beginn der 1980er Jahre: Da war ich knapp vierzig.

Wir alle wissen nicht, wann wir sterben – manche schon als Kleinkinder, manche in der Jugendblüte … aber abgesehen von Unfällen, Infektionskrankheiten oder Verbrechen hängt unsere Vitalität davon ab, wie viel Lebensenergie wir in der Bewältigung von Krisen und Leiden verbrauchen – und wieviel Regenerationsressourcen man besitzt, dazu gehören auch die sozialen Unterstützungen – Familie, Freundeskreise, Religionsgemeinschaften.

Ich fordere sachlich-inhaltliche Argumente – und keine Diskriminierung der Person auf Grund des Alters, egal ob man jemand Jugend vorwirft wie Sebastian Kurz – Franz Joseph I. wurde mit 18 Jahren Kaiser von Österreich! – oder Alter, die Form der Nase, der Ohren, der Haare, der Sprache … Oder den Herkunftsberuf.