Pflegeroboter

Die Bioethikkommission im Bundeskanzleramt will klären, welche ethischen Fragen sich beim Einsatz von Pflegerobotern eröffnen, lese ich heute im STANDARD (S. 11).

Das ist doch eigentlich sonnenklar: Eine Maschine kann nie menschliche Zuwendung geben – denn diese Kompetenz erwirbt (oder verliert) man im Zeitverlauf einer Biographie. Den Bedarf danach auch – und wie man aus den Affen-Versuchen von Harry Harlow (1905–1981) weiß, bevorzugten die Affenbabys im Experiment ein gewärmtes Fell auf einem Drahtgestell ohne Fütterungsmechanismus gegenüber Füttern ohne Kuschelbegleitung.

Sie kannten es aber auch nicht anders.

Menschen kennen und erkennen aber den Unterschied zwischen Attrappe und Lebendmodell, selbst schwer geistig beeinträchtigte.

Pflege, wenn sie nicht nur in lieblosem Waschen und grobem Umbetten besteht, bedeutet: den Pflegling sehen, hören, spüren und – individuell beantworten. Das braucht Zeit, und die will man offensichtlich einsparen – und die Arbeitsplätze gleich dazu.

Erzähle doch niemand etwas von fehlenden Pflegekräften! Wenn Arbeitskräfte fehlen, muss man welche ausbilden – am besten in einem aufbauenden (im Doppelsinn des Wortes!) Modulsystem.

Der berühmte deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Soziologe Erich Fromm (1900–1980, „Haben oder Sein“, „Die Kunst des Liebens“) hat in seinem Buch „Die Anatomie der menschlichen Destruktivität“ zwischen biophilen (am Lebenden interessierten)  und nekrophilen (für Unlebendiges begeisterten) Charakteren unterschieden, und analysiert den letzteren, den „Industriemenschen“ so: „Im Brennpunkt seines Interesses stehen nicht mehr Menschen, Natur und lebendige Strukturen, sondern  mechanische, nichtlebendige Artefakte üben immer größere Anziehung auf ihn aus. Beispiele gibt es in Fülle: Überall in unserer industrialisierten Welt gibt es Männer, die für ihren Wagen zärtlichere Gefühle und  ein größeres Interesse hegen als für ihre Frau.“ Ähnliches konstatiert der Wissenschaftler beim Fotografieren, beim Ersatz von Kulturtechniken durch Apparate (Rechnen!) und beim Versuch, was nur geht zu beschleunigen.

Als ich in den 1990er Jahren viel für die AUVA arbeitete, gab es bereits heftige Diskussionen unter den Pflegeexpert_innen, weil damals die ersten „Waschstraßen“ für pflegebedürftige Menschen propagiert wurden: Die Frage, die die Krankenpflegepersonen beschäftigte, war aber nicht diese sogenannte „Erleichterung“, sondern eher, wie man lieblosen Hilfskräften die Bedeutung von Geduld, Achtsamkeit und Wertschätzung erklären könne, wenn diese aus rohen Elternhäusern stammten … und natürlich kann man das, aber es braucht Zeit und es ist im Klartext eine Psychotherapie: „Zu heilen die zerstoßnen Herzen“, wie ein Buchtitel der in Berlin lehrenden (übrigens Österreicherin!) Eva Jäggi lautet.

Im heutigen KURIER (S. 22) wird die Roboter-Idee weiter gesponnen: interaktive Sexspielzeuge, die in Echtzeit Berührungen virtuell auf die Geschlechtsorgane des Chatpartners übertragen. Das mag sogar bei empfindungsbehinderten Menschen hilfreich sein – oder noch mehr traumatisierend. Nur, so wird niemand erkennen, dass allein liebende Zuwendung OHNE Berührung beglückend, ja sogar heilsam sein kann.