Mutig in die neuen Zeiten …

Ecclesia semper reformanda. Dieser Grundsatz (Augustinus von Hippo zugeschrieben, tatsächlich aber im Calvinismus verortet) wird üblicherweise mit „Die Kirche ist immer zu reformieren“ übersetzt. Ecclesia heißt aber eigentlich „Versammlung“ (im Sinne von aus ihren Häusern Herausgerufenen).

Aus systemtherapeutischer Sicht deutet dieser Erneuerungsaufruf auf die Notwendigkeit regelmäßiger Überprüfung, ob Regeln und Gewohnheiten noch funktional sind.

In der systemischen Familientherapie wird etwa das stolze Wort einer Mutter „Ich habe mein Kind noch nie allein gelassen!“ sofort mit der Frage nach dem Alter des Kindes beantwortet: Was für ein Baby im ersten Lebensjahr ein (unerreichbares, denn Mutter muss ja auch mal auf die Toilette) hohes Ideal skizziert, erweist sich ein paar Jahre später bereits als massive Behinderung der Selbstentwicklung des Nachwuchses.

Die Frage, die sich immer stellt und stellen sollte, lautet also:
Was ist das jeweils konkrete Ziel und danach, mit welchen Methoden kann man es erreichen.

Konservative Politik will keine Änderung – weder im Ziel noch in der Methode.

Dahinter verbirgt sich die Angst vor Bewegung: Es könnte ein Prozess ungeheuren Ausmaßes entstehen, der wohlerworbene Rechte vermindert oder beseitigt, einen gefährdet oder schwächt und damit frühkindliche Negativerfahrungen von Benachteiligungen und Wut reaktiviert.

Derzeit kann man dies musterhaft an den sogleich angefeindeten Überlegungen zur Veränderung des Demonstrationsrechts beobachten. 1867 als Versammlungsfreiheit im Zuge der drohenden Revolutionen in den Kronländern dem Kaiser abgerungen, bestätigt es einen Grundsatz – nämlich den, unter bestimmten Regeln (z. B. polizeiliche Anmeldung) als Personenmehrheit an bestimmten Orten zwecks Kundgebung einer bestimmten Meinung auftreten zu dürfen. Die jeweiligen Qualitäten wie Anzahl, Orte, Formierungen und Stile sind dabei offen gelassen, was bedeutet, dass der Gesetzgeber einkalkuliert, dass sich die Notwendigkeit von Spezifizierungen ergeben kann. Es beinhaltet nicht das Recht, Hauptverkehrsstraßen durch stundelange Aufmärsche oder andere Veranstaltungen blockieren zu dürfen.

Argumente wie „Das war schon immer so“ und deswegen müsse es auch immer so bleiben, ignorieren nicht nur tatsächliche Veränderungen sondern sind subtile Versuche, Kritiker oder Erneuerer mundtot zu machen. Mundtot ist aber auch tot.

Zu solchen tatsächlichen Veränderungen zählt beispielsweise das Verkehrsaufkommen auf der Wiener Ringstraße im 19. Jahrhundert im Gegensatz zu heute, oder die heute vielfältigen Möglichkeiten der politischen (oder ideologischen, kommerziellen etc.) Selbstdarstellung in der Mediengesellschaft bzw. überhaupt in den sozialen Medien.

Und dazu zählt auch das Ignorieren der historischen Erfahrungen: Man scheut sich offenbar, die Parallelen mancher heutigen Demonstrationen mit dem aufkeimenden Nationalsozialismus der 1920er und 1930er Jahre wahrzunehmen. Die Generation, die das noch mit Entsetzen erlebt hat, ist am Aussterben – und deren Urenkelgeneration ist nicht bewusst, dass in Wirtschaftskrisen für alle sogenannten Wohlstandverlierer die Problemlösung nicht in Hass und Radikalisierung gegen Feindbilder liegt (auch wenn das kurzfristig seelisch entlastet) sondern in kooperativer Kreativität – und für die braucht es Bildung, aber nicht unbedingt die, die jahrzehntelang schulischer Standard war.

Als 2013 die Frage zur Abstimmung stand, ob das österreichische Bundesheer weiterhin durch allgemeine Wehrpflicht geformt sein oder in eine Berufsheer umgewandelt werden sollte, entwickelt ich (einerseits Befürworterin der allgemeinen Wehrpflicht, andererseits aber auch Leiterin meines 1984 gegründeten Institut für Projektberatungen, Personal Training & Supervision, IPPS) ein Konzept einer umfassenden Landesverteidigung (und übermittelte es einerseits Sozialminister Rudolf Hundstorfer, andererseits Hannes Rauch, dem damaligen Generalsekretär der ÖVP).

Mein Konzept basiert auf der Überlegung, dass Landesverteidigung eine mentale Einstellung darstellt – und nicht bloß Einüben von mehr oder weniger militärischen Kompetenzen – und daher die Identifikation mit Österreich in seiner regionalen Vielfalt und seinen Erfordernissen an Schutz und Entwicklungsförderung benötigt. Das aber betrifft uns alle – also auch alle Frauen und alle, die bisher als „untauglich“ bezeichnet wurden.

Landesverteidigung ist ein Bildungsauftrag, nicht nur ein Körpertraining oder eine „systemerhaltende Beschäftigung“. Sie bietet die Chance, Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln, die zu identifikatorischem Mitdenken und Mitgestalten motivieren und gleichzeitig Basiskompetenzen für spätere Berufstätigkeiten aufbauen (daher die sinnvolle Vernetzung mit dem Sozialministerium, aber auch anderen Ministerien), die bei entsprechenden Berufsausbildungen an- bzw. eingerechnet werden könnten.

In meinem Konzept wird Landesverteidigung in Bereiche mit spezifischen Modulen geviertelt:

  • Ein Viertel wäre dem eher körperlich-materiellen Einüben gewidmet,
  • ein Viertel dem technischen Bereich,
  • ein Viertel dem Umweltbereich (inklusive Kommunikation) und
  • ein Viertel dem psychosozialen und Bildungsbereich (ganz wichtig bei Katastrophenfällen).

Jede auszubildende Person könnte und sollte Basis-Module der verschiedenen Bereiche linear aufbauend absolvieren und auch späterhin nach Ableistung der Pflichtausbildung sowohl verpflichtend wie auch freiwillig buchen und damit Vorteile in ihrer Berufstätigkeit erwerben können. Gleichzeitig ergäbe sich dadurch eine stärkere Identifikation und Vernetzung mit einem gemeinsamen Ziel: Vorurteile und Gegensätze in der Bevölkerung zu erkennen und in Gemeinschaft zu überwinden.

Ich habe im Zuge meiner eigenen Lehrtätigkeit an der Militärakademie in Wr. Neustadt erlebt, welch hervorragend ausgebildeten Trainer dort Bildungsarbeit für Offiziere leisten. Ich denke, dass hier eine immense Chance gelebten Schutzdenkens ruht.

In den 1970er Jahren punktete die Alleinregierung Kreisky mit dem „Feindbild“ Bundesheer und dem Slogan „6 Monate sind genug“: Der Zweite Weltkrieg, der Vietnamkrieg, der „Kalte Krieg“ mit der Gefahr der Erhitzung – das alles führte zu einer verbreiteten Einstellung von „Nie wieder Krieg!“, zu Flower Power und Friedensaktivismus. Wer wie damals positive Zukunftsaussichten besitzt, sträubt sich gegen Hass und Hetze und ein Klima von Bedrohung (auch wenn dieses einen selbst vordergründig nicht zu gefährden scheint sondern „die Anderen“). Auch Demonstrationsmärsche haben Drohcharakter – und allzu leicht eskalieren sie auch in Kampfhandlungen.

Im Reformdenken lohnt es sich, auf Sprache zu achten: Das Wort Bundesheer löst andere geistige Bilder aus als das Wort Landesverteidigung. Worte wie Demonstrationsmarsch oder Flash Mob (Mob!) andere als Protestversammlung oder Vorsprache. Auch das medial immer wiederholte Wort Streit (z. B. der Koalitionspartner) löst andere unbewusste Einstellungen aus als Worte wie Diskussionen, Uneinigkeit oder gar Bemühung um Einigung.