Mittelalter oder Sex in der U-Bahn?

Bei den Beerdigungsfeierlichkeiten für König Abdullah in Saudi-Arabien trug Michelle Obama keine Kopfbedeckung. Die „Washington Post“ lobte die Präsidentengattin für ihr „mutiges politisches Statement“. Die Medien im Orient waren empört. Ich finde, sie hätte besser daran getan, ihren auftoupierten Helm mit einem Schleier statt mit Haarspray zu bedecken. Wäre hübscher gewesen. „In Rome do like the Romans do“, diesen Tipp aus dem alten England habe ich mir, als ich die muslimische Welt in den Siebziger Jahren bereiste, zu Herzen genommen. Ob mit Kopftuch, Tschador oder Burka, zünftig verschleiert kam ich, gut versteckt, in malerische Dörfer mit stolzen, biblisch anmutenden Bewohnern, die unterm Ladentisch in der Oase heiße Unterwäsche für ihren Harem kauften. Heiß war mir trotz der Vermummung, weite Leinenhosen, dünne Hemden und ein Strohhut schützen besser vor dem Wüstenklima.

Im erzkatholischen Spanien bedeckte eine ehrbare bürgerliche Frau noch in den wilden Siebziger Jahren ihr Haar mit einer Mantilla aus schwarzer Spitze, ihr Gesicht versteckte sie hinter einem geöffneten Fächer, wie die Damen bei uns im Rokoko. In Algerien begegnete ich im Bus einer in unförmiges Schwarz gewickelten Frau, die ihrem Kind in aller Öffentlichkeit aus dem schwarzen Vorhang heraus die schneeweiße Brust reichte.

Zu Zeiten der puritanischen Queen Victoria galten Beine als verboten sexy, sogar Tischbeine wurden umhüllt. In moslemischen Ländern, wo Füße meist in Hauspatschen stecken, gelten heute noch Haare und Nacken als sexuelles Stimulans, weshalb eine sittsame Frau diese Stellen vor den Blicken und den Nasen fremder Männer schützt. In diesem Sinne durfte auch ich als Teenager meine wunderschönen langen Haare nicht offen tragen, sondern zu einem dicken Zopf flechten. Langes, wallendes Haar, so erklärte meine prüde Mutter, sei unanständig. Meine Urgroßmutter trug ab ihrem 40. Lebensjahr als Gelöbnis zur Keuschheit: eine Witwenhaube. Verhüllungen sind selten praktisch, und meist resultieren sie aus einer Sittenvorschrift.

Welchen Regeln des guten Benehmens folgen wir in unserer säkulären, westlichen Welt in der (fast) alles erlaubt ist?

Wenn fast alles erlaubt ist, wird es für jemanden, der strenge Regeln gewohnt ist, schwierig, sich in der westlichen Gesellschaft zu recht zu finden. Er wird sich an die Regeln seiner Religionsgemeinschaft klammern. Ich empfehle eine Fahrt durch Wien in der U6! In ihr drängt sich das Volk aus Ost und West aneinander, ohne einander kulturell zu berühren. Man sieht: Tätowierte Nacken, gepiercte Nabel, Unterleiber die aneinander wetzen, Zungenküsse, enorme Hintern in durchlöcherten Jeans, wird Zeuge von Drogenübergabe und sexuellen Übergriffen. Dicht neben sich ablutschenden Paaren in Grau gehüllte Kopftuchfrauen, mit ihren zahlreichen Kindern am Weg ins AKH. Die Großfamilie und die Bekleidungsvorschriften sind der Anker der sie hält.

Sich zu verhüllen schützt. Aber muss man dabei gleich wie die Heilige Hemma von Gurk aussehen? Deren Tracht konnotiert „Mittelalter“. Was wäre denn, wenn sich unsere Jung-Muslimas etwas weniger klosterschwesterlich gäben? Wenn sie sich von ihrem altertümlichen Gewickel trennten und einfach nur ein buntes Kopftuch trügen? Kombiniert mit einem attraktiven Schal? Individualität unter Beibehaltung von Regeln, das wäre doch eine Option für ALLE: Es wäre schön, gäbe es weniger Mittelalter, aber auch weniger Sex in der U-Bahn.