Männerphantasien

Der Trientiner Priester Gino Flaim, 75,  verkündete unlängst in einem italienischen TV-Sender, er verstehe, wieso  manchen seiner Berufskollegen Pädophilie vorgeworfen werden könne: Es gäbe nämlich Kinder, die Zuneigung suchten, weil sie diese zu Hause nicht bekämen – und dann suchten sie sich einen Priester, und mancher gäbe eben nach.

Projektion nennt man diese Denkweise in der Psychoanalyse; in der Bibel wird dieses Phänomen in Matthäus 7,3 mit der Frage angesprochen: Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Im Klartext: Der eigene Mangel an Zuneigung – oder sexuelles Interesse – wird nicht wahrgenommen, sondern dem Objekt der Begierde unterstellt.

Aber alle Menschen brauchen Zuwendung und Zuneigung – nicht stündlich und täglich, aber doch immer wieder einmal.

Wenn das jemand abstreitet – „verleugnet“ – hat er oder sie bereits eine Gehirnwäsche erlebt: Von Eltern, die selbst schon „hart“ erzogen wurden, von Vorgesetzten, die meinen, MitarbeiterInnen sollten / müssten  fühllos funktionierende Roboter sein – und auch  von Geheimgruppierungen, die befürchten, dass man Geliebten zu viel erzählen könnte … und dazu zählen vielfach auch die Berufsangehörigen, die unter Verschwiegenheitspflicht stehen. Sie sind einsam – und geben es vor sich selbst ungern zu.

So ergab eine Studie über sexuelle Übergriffe von Psychologen, dass diejenigen gefährdet waren, die wenig Sozialkontakte hatten, nicht in einer beglückenden Partnerschaft lebten und keine Supervision in Anspruch nahmen.

Man braucht gar nicht auf die Elternersatzberufe Priester und Psychologe/Psychotherapeut schauen – auch viele „Männer von der Straße“ wähnen, Frauen – und auch Mädchen – putzten sich nur für sie heraus, um einen Sexpartner zu gewinnen; das tun aber nur Angehörige des ältesten Gewerbes der Welt. Alle anderen erliegen Modediktaten, spielen Popstars nach oder wollen toller sein als direkte Konkurrentinnen.

Die psychotherapeutische Erfahrung zeigt: Nur was man „wahr-nimmt“, kann man kontrollieren. Die eigenen Sehnsüchte, Begierden und – Herrschaftsgelüste.