„Liebesmüh mit alten Eltern“ …

… so lautet der Titel eines Buches von Elisabeth van Hoesel, und das ist ein Frauenproblem. Denn auch wenn es zwei, drei oder vier Söhne gibt und eine Tochter, so trifft es immer die Tochter (und nicht einmal die Schwiegertöchter, da sehen schon die Söhne dazu, dass ihr Heim-Service nicht gekürzt wird). Das zeigt mir meine jahrzehntelange therapeutische und beratende Erfahrung. Die Tochter chauffiert, die Tochter kocht, die Tochter putzt und: Die Tochter spendet ihre Lebensenergie.

Dank erhält sie selten.

Das sei doch selbstverständlich, heißt es.

Ich erinnere mich an eine Klientin, die, selbst nicht mehr die Jüngste, all diese Dienstleistungen für ihren alten, die Straße gegenüber wohnenden, Vater erbrachte – obwohl der alte Schwerenöter eine Freundin hatte und auch sonst recht rüstig war. Dass sie selbst an Multipler Sklerose (MS) erkrankt war, verschwieg sie – sie wollte ihm keine Sorgen machen. „Welche Sorgen?“ fragte ich. Na dass sie ihn nicht mehr so versorgen könne, war die Antwort. Bis – ja bis ihr Auto zusammenbrach und sie den Vater fragte, ob er ihr nicht für eine Woche sein Auto leihen könne. Kommt nicht in Frage, lautete seine Antwort, denn „Du tust ja auch nichts für mich!“

Eine autoaggressive Krankheit wie MS zu entwickeln, bekommt bei solch einer Biographie plötzlich eine andere Färbung … ebenso wie depressiv zu werden.

Depressionen werden aus medizinischer Sicht oft als Hormongeschehen definiert. Aber auch Hormonschwankungen entstehen nicht von irgendwo her sondern stehen oft deutlich im Zusammenhang mit lebensgeschichtlichen Ereignissen – denken wir nur an vorzeitigen Regeleintritt bei Luftveränderungen (Reisen) oder nach sensationellen Liebeserlebnissen (sogenannten spontanen Eisprüngen, sofern sich frau nicht im „Pillenkorsett“ befindet).

Ich definiere Depressionen als Folge von Energiemangel: zu wenig Fremdenergie in Form von Zuwendung, Anerkennung, Lob und Liebe – stattdessen Energieverlust wegen Selbstschutz vor Ablehnung, Missachtung, Kritik und Geschimpfe.

Wenn Menschen älter werden, werden vielen die Gelegenheiten vorenthalten, bei denen sie Erfolgserlebnisse haben könnten – und den ganz Jungen geht es ähnlich. Und Arbeitslosen. Und chronisch Kranken. Und Familienpflegerinnen. Weil: Nur Dienstbarkeit bringt zwar vielleicht Bewunderung derer, die damit verschleiern, dass sie froh sind, nicht selbst gefordert zu sein – oder Spott, dass man sich ausbeuten lässt.  Die angeblichen Glücksgefühle hingegen halten sich in Grenzen. Aber das zu bekennen, ist ein Tabubruch.