Junge Väter

junge-vaeter_01Jetzt ist er da, unser erster Enkel. Oscar. Er ist wirklich süß. Ein strammer Junge mit schwarzen langen Haaren und einer Haut in der Farbe von Milchkaffee. Seine Mama ist Kubanerin, sie lebt schon seit zehn Jahren in Österreich, sein Papa ist mein Sohn, der mittlere von meinen drei. Ich kenn mich aus mit Kinderkriegen. Dennoch werde ich mich nicht einmischen. Das Paar weiß viel mehr als ich es je wusste. Von seinem Einnisten in der Gebärmutter bis zur Geburt wurde der neue Erdenbürger gut überwacht, studiert und geliebt nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft. Alles funktioniert heute perfekt, sogar die Beratung zur Kinderpflege, die Hebamme wird das Kind noch bis nach Hause begleiten. Sie zeigte den Eltern wie man es wickelt, wie man den Kleinen trägt. Niemand ist mehr auf Großmutters Tipps angewiesen. Es gibt zwölf Griffe mit denen ein Baby sicher im Arm liegt. Und wenn es weint, dann gibt es Positionswechsel die gegen Bauchgrimmen helfen. Will es nicht an die Brust, dann gibt es Tricks, es zum Trinken anzuregen. Und vor der Geburt haben sie noch ein Workshop in „Babytuchwickeln“ absolviert, mit Zertifikat. Und erst die Pampers-Variationen die es heute gibt! Meinen Erstgeborenen habe ich noch mit Stoff gewickelt und neun Monate lang nicht gewusst, ob er ein Bub oder Mädchen wird und ob er gesund ist.

Der Enkel nun kam mit Kaiserschnitt zur Welt und auch da ist es anders als früher. Der Schnitt ist klein, und während Arzt und Hebamme die Mutter zunähen wird das Baby dem Papa auf die nackte Brust gelegt, der Hautkontakt ist wichtig. Steht die Mutter wegen der OP nicht zur Verfügung muss eben der Papa einspringen. Der war selbstverständlich die ganze Zeit zugegen. Und ist es, nach 5 Tagen immer noch.  Er durfte die Nabelschnur durchschneiden, er durfte den Kleinen waschen und wickelt ihn nun schon mit Vergnügen. Jetzt, wo ich es selber  miterlebe, sehe ich, wie wichtig es ist, dass Väter einen oder zwei Monate nach der Entbindung eng mit Mutter und Kind zusammen sind. Es ist für die Väter ein großes Glück. Für die Mütter ist es praktisch. Ist die Mama entlastet, fließt die Milch. Fließt die Milch, lässt sich alles Weitere leichter organisieren.

junge-vaeter_02Ich bin also die frischgebackene Omi aus Wien, die andere Omi kommt aus Havanna. Und sie ist, wie sollte es auch anders sein, ganz anders als ich. Seit zwanzig Jahren lebt sie von ihren beiden Töchtern räumlich getrennt, die eine hat in Italien geheiratet, die andere in Wien. Avuela, oder avuelita sagt man in den Spanisch sprechenden Ländern der Welt zur Großmutter. Sie bekommt alle paar Jahre ihr Visum erneuert und verbrachte bis jetzt immer ein  paar Monate im Jahr in Europa. Ist sie hier, dann ist sie voll für die Töchter da: Sie wäscht, kocht und bügelt. Allein aus dem Haus geht sie selten. Sie war es, die ihre Töchter aus dem kommunistischen Staat mit einer Künstlergruppe ins Ausland schickte, damit sie dort verdienen und ein besseres Leben als auf der Zuckerinsel haben  wo die Rente einer Bauingenieurin und Staatsbeamtin, welche sie ist, an die vierzig Euro beträgt.

Viel hatte sie von ihren eigenen Kindern nicht, die wuchsen bei Großmutter und Tante am Land auf, während die Ingeneurin vom kubanischen Staat als Beraterin in die kommunistischen Bruderländer geschickt wurde. Als fürsorgender Vater fiel der Ehemann komplett aus. Der Kommunismus in Kuba hat die Männer Null verändert. Sie sind dieselben Machos wie vor der Revolution geblieben. Wohl hat es der Kommunismus in Kuba den Frauen  aller Hautfarben ermöglicht, zu studieren mit Jobgarantie – wenn sie sich parteikonform verhielten. Besonders weit hinauf kamen die wenigsten. Kubas Regierung besteht bis heute aus weißen, alten Männern. Die Bevölkerung lebt von Euros und Dollars. Jedes private, neue Projekt (Hotels, Kliniken, Jachthäfen), hat ausländische Besitzer.

Was wird also unsere „Avuelita“ tun? Sie reist im Mai nach Kuba zurück. Ihre Sehnsucht nach unserem süßen Enkel wird groß sein und sie wird, sobald es geht, wiederkommen. Sie wird ihn umsorgen, ihre Tochter entlasten. Tag und Nacht, wenn nötig. Anspruchslos. Und sie wird traurig sein, wenn sie nicht gebraucht wird. Ich weiß es jetzt schon, dass die jungen Eltern imstande sind, ihr Leben bestens selber zu organisieren und dass sie eine Omi, wie einen Babysitter nur manchmal brauchen werden.

Ein Kind hat im Normalfall eben zwei Großmütter. Mal sehen, wie sich alles entwickelt. Auch, weil es die „neuen Väter“ gibt. Ihren Schwiegersohn hält die avuelita im Übrigen für ein Wunder. Einen Mann der sich um sein Neugeborenes so aufmerksam kümmert, so einen Mann gibt es in Kuba nicht. Ich versuchte, es ihr zu erklären, dass er kein Einzelfall ist. Muss dazu aber bemerken, dass wir in keinem öffentlichen, sondern in einem Wiener Privatspital sind, in dem es im Moment wie im Babyboom aussieht. Am Gang treffe ich lauter junge Väter, die ihre Neugeborenen spazieren tragen und die bereit sind, ihre Frauen tatkräftig mit einem „Papamonat“ zu unterstützen und mit ihrer Partnerin die ersten Wochen in Ruhe zu genießen. Wenn das kein Fortschritt auf der Skala der europäischen Werte ist!