Je Griss desto Ederer

Ein Jurist kann alles, hieß es in der Zeit, in der ich Rechtswissenschaften studierte (1962–1966). Das führte zu Selbstgefällitgkeiten und Selbstgerechtigkeiten.

Später als Psychotherapeutin hatte ich dann etliche Klienten und Klientinnen, die sich in ihrem Beruf nicht nur überfordert fühlten, sondern es tatsächlich auch waren. Inhaltlich nämlich. Denn auch wenn damals im Studium fachspezifische Geschichte und auch ein wenig  Nationalökonomie (und minimal Philosophie, was  nicht zu den Prüfungsfächern zählte) vorgesehen war, vermittelte dies kaum echte Kompetenz auf diesen Gebieten. Geltendrecht dominierte – und das war für die „wissenschaftliche Berufsvorbereitung“ auch sinnvoll.

Jede Berufsausbildung formt auch den Charakter. Das merkte ich beim Umstieg in die Sozialarbeit – dann wieder bei der Psychotherapie und besonders jetzt im Theologiestudium. Besonders auffallend war dies aber in den Jahren, in denen ich zur Politikerin ausgebildet wurde und diese Kompetenz auch in 15 Jahren als Mandatarin praktisch ausgeübt habe. (Genau kann man alles in meiner Biographie auf www.perner.info nachlesen. Die knapp zehn Jahre als Nationalökonomin lasse ich aus – damit konnte ich mich nicht identifizieren.)

Als JuristIn geht man sachlich distanziert an Fakten heran. Man beurteilt und urteilt. Emotionen stören dabei. Als SozialarbeiterIn muss man schon stark die Denk-, Fühl- und Lebensformen der Klienten mitfühlen um zu erkennen, wo Blockaden die erwünschte soziale Anpassung gefährden. Als PsychotherapeutIn sollte man darüber hinaus die Wurzel seelischer Leidenszustände erkennen und im Dialog ertragen, und als TheologIn auch die gesunden transzendenten Bedürfnisse und Begabungen wertschätzend in die Phänomenologie des Lebens einordnen können.

Als Politikerin ist man primär VertreterIn der Interessen und Ziele seiner entsendenden oder antreibenden Gruppe, oft aber nur der eigenen.

Aber was hat es nun mit der Funktion als Staatsoberhaupt an sich? Sie besteht ja nicht nur darin, „Notar“ der Gesetzwerdungen zu sein oder Eröffnungsbänder durchzuschneiden oder zu moralisieren. Die wirkliche Arbeit besteht im permanenten kritischen Gespräch mit den Führungspersonen der politischen Parteien und Interessensverbänden. Das braucht politische und diplomatische Erfahrung und persönliche Durchsetzungsmacht. Schöne Reden und Absichtserklärungen sind zu wenig – man muss erfahren haben, wie sich jemand wann – z. B. in Krisensituationen – verhalten hat, welche Rückendeckungen bestehen und vor allem auch, welche internationalen Reputation jemand genießt.

Es werden sich immer Einflüsterer aus Familie und Freundeskreis finden, die einen in solche Himmelfahrtskommandos hineinschmeicheln wollen, weil sie sich Illusionen über die Anforderung, Kritik, Einsamkeit und daraus folgende psychische Belastung, machen. Es sind „Versucher“. Man sollte ihnen widerstehen.

Auch wenn es mein feministisches Herz freut, wenn eine Frau für das Amt des Staatsoberhaupts in Vorschlag steht – und noch dazu eine, die allen Schönheitsklischees widerspricht – und ich auch den Mut respektiere, sich selbst zu promoten (obwohl der schon auch psychoanalysiert werden sollte), würde ich mir da eher Brigitte Ederer als Kandidatin wünschen: Eine Frau, Nationalökonomin und Managerin, die ihre Widerstandskraft vielfach bewiesen hat. Deren Ideologie klar nachvollziehbar ist. Und die solche „Jobs“ nachweislich „kann“.