Indiskretionen

„Über die Todesursache sei nichts bekannt“ las ich in der Nachricht über das Ableben von Manfred Krug. Der beliebte Schauspieler wurde 79 Jahre alt.

Ich frage: Darf man in diesem Alter einfach nur die Welt verlassen? Muss man dazu einen Krankheitsgrund haben? Und selbst wenn – wen geht das was an?

Es gibt innere und äußere Ursachen: Die inneren gehören in den Intimbereich und daher geschützt – außer jemand will seinen / ihren Kampf gegen eine Krankheit beispielhaft veröffentlichen (und nicht nur eine PR-Meldung gestalten und z. B. auf Mitleid abzielen). Es ist sicherlich tragisch, wenn etwa Autor_innen, von denen man noch viele interessante Bücher erwartet hätte, dement werden oder Schauspieler_innen ihr Gedächtnis einbüßen – aber was bringt die kurzfristige Stigmatisierung in den Medien? Sollten solche Informationen nicht der Seriosität ausführlicher Biografien vorbehalten bleiben?

Ich kann mich noch gut erinnern, wie in den 1950er und 60er Jahren bei Schauspielerinnen, die medial nicht der Hochkultur zugezählt wurden, immer die Maße in Klammer dazugesetzt wurden (Brust – Taille – Hüften). Ich habe damals schon geätzt, man sollte doch auch bei Männern bestimmte Maße (halt nur zwei) ausweisen … war keine so gute Idee, es folgte immer betretenes Schweigen oder mir wurde sofort „der Mund verboten“. (Ich war damals ja noch zu jung für solche Bemerkungen … In meinem Buch „Königin! Über weibliche Kraft“ habe ich dann 2009 geschrieben: Erst die Königinmutter – also die Frau im letzten Lebensdrittel – darf ungestraft solche Scherze von sich geben, gilt sie doch als „Jenseits von Gut und Böse“!).

Ebenso hat mich geärgert, dass bei dem – meinem damaligen Gefühl nach ebenfalls indiskreten – Bericht über den angeblichen Selbstmord der Schauspielerin Renate Ewert das Beiwort „die geschiedene“ zugefügt war. Hatte das eine etwas mit ihrem Tod zu tun? Das stand nicht dabei – offensichtlich war ihr schwieriges Leben nicht interessant – nur die Tatsache der Scheidung sollte negativ angemerkt werden; 1966 war es ja noch Alltagspflicht, in quälenden Ehen auszuharren oder zumindest um deren Bestand zu kämpfen, egal wer welchen Anteil an dem Misslingen hatte.

Und dann gibt es äußere Ursachen: Unfälle, Naturkatastrophen, Verbrechen. Wie umfangreich und genau darf hier berichtet werden, will man nicht die Hinterbliebenen schädigen? Oder auch die Hinterbliebenen derjenigen, die im selben Unglück zu Tode gekommen sind? Ist nicht jeder Mensch gleich wichtig? Irgendjemandem? Hat nicht doch jeder Mensch Hinterbliebene – zumindest Menschen, die jäh der Schmerz durchzuckt, wenn sie von diesem konkreten Tod erfahren?

Ich denke, es reicht, wenn in den Jahresrückblicken die Toten des vergangenen Jahres aufgelistet werden, von denen die Allgemeinheit wissen sollte, dass sie nicht mehr unter uns weilen. Das hilft, sich von der Illusion des ewigen Lebens zu verabschieden.