Im Börserl

Ich habe meine Brieftasche mit allen Kreditkarten an einem Ort vergessen, an dem sie sicher ist. An den Ort komme ich erst in einigen Wochen zurück. Also habe ich von der Bank Geld abgehoben, das war möglich. Und in mein Börserl getan. Seit mir kein Bankomat Geld ausspuckt, gebe ich automatisch weniger Geld aus. Ich haushalte mit meinem Budget, das sichtbar in Form von Geldscheinen und Münzen im Börserl ist.

Immer mehr Menschen zahlen angeblich mit Kreditkarte. Immer mehr Menschen wollen auch im Supermarkt mit dem Handy zahlen. Und immer mehr Menschen sitzen in der Schuldenfalle. Ich behaupte, nach einer Woche Selbstversuch, dass das Geldholen aus dem Bankomaten und das Bezahlen mit Plastikkarten Schuld dran ist, dass die Menschen den Überblick über ihre finanziellen Möglichkeiten verlieren.

Das Privat-Leben auf Kredit ist ein aus Amerika stammender Unfug.

Dort ist es schon lange üblich, für einen Privat-Kauf, den man sich nicht leisten kann, einen Kredit aufzunehmen und später für den Kredit, dessen Raten man nicht mehr zurückzahlen kann, noch einen Kredit. Geht es nicht mehr, dann muss man, zum Beispiel sein kreditfinanziertes Eigenheim verkaufen, mit dem Erlös deckt man alle Bankschulden ab, vom Erlös bleibt im besseren Fall dann nichts mehr übrig. Man wird „homeless“, das kann dort jedem passieren, der seine Finanzen nicht überblickt. Pech gehabt liebe Frau, lieber Mann.

Seit einigen Jahren hört man immer wieder, das Bargeld soll abgeschafft werden. Damit sind einige einverstanden, wahrscheinlich jene, die soviel Geld haben, dass sie es nicht zu zählen brauchen und andere, die es nicht zählen wollen oder können und darauf warten, dass der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht und läutet und bald wieder weg geht, weil keiner aufmacht. Wer unbedingt das Bargeld beibehalten will, hat z.B. Schwarzgeld, um z.B. den Pfuscher zu bezahlen oder das Künstlerbild im Direktkauf. Gewisse Dienstleister aus dem Bereich der Nachbarschaftstätigkeiten oder der schönen Musen entziehen sich eben (noch) der Registrierkassenpflicht.

Die Abschaffung des Bargeldes und die totale Überwachung des Einzelnen gehen Hand in Hand. Es schränkt die Freiheit des Einzelnen ein, wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher zu baden, es in einen Sparstrumpf zu stecken oder unter der Matratze zu lagern. Es verhindert den Überblick, der auch mit Fassbarkeit zu tun hat. Ob viel oder wenig im Börserl ist kann ich jede Minute, in jeder Situation nicht nur sehen sondern auch fühlen. Das kann ich im Zahlungsverkehr mit meiner Plastikkarte nicht. Will ich mir den Überblick verschaffen, muss ich einen Code eingeben und dann auf einem Display den Kontostand ablesen. Natürlich würden erfinderische Leute, wäre das Bargeld abgeschafft, sofort auf eine Ersatzwährung umsteigen, auf Eier, Semmeln oder Krenwurzen, wie nach dem Krieg. Aber das sollte man tatsächlich nicht anstreben.