Haariges

Als sich Ende der 1960er Jahre ab dem Musical „Hair“ etliche Männer zum naturbelassenen Robinson-Crusoe-Aussehen entschieden, jammerten ihnen die Großmütter die Ohren voll, wie ungepflegt dies aussähe und forderten den NS-gewohnten Kurzhaarschnitt – bis über die Ohren abrasiert und Scheitel links – ein. Derzeit taucht er wieder auf, zwar ohne den Scheitel – wie beispielsweise bei Andreas Gabalier – dafür aber mit gestrigen Sprüchen.

Haar- und Barttrachten dienten von alters her religiösen oder politischen Bekenntnissen: So war man zu Beginn unserer Zeitrechnung (Christi Geburt) als Römer glatt rasiert, während sich Araber den Bart stutzten – vor allem zur Unterscheidung von den Juden, die ihren Bart wild wuchern ließen. Auch zeigte die aufwändige Haar- und Bartpflege den Sozialstatus an: je niedriger, desto weniger Haare. Die „G‘scherten“ – Geschorenen – waren zu Gehorsam und Dienen verpflichtet, als Soldaten wie als Haussklaven – oder auch Mönche und Nonnen.

Auffallend ist, wie oft sich Politiker nach dem Ausscheiden aus dem Amt – dauerhaft oder ephemer – Bärte stehen lassen: Bruno Kreisky tat es, Harald Ofner, Herbert Kohlmeier, Kurt Bergmann. Manche begnügen sich mit einem Drei-Tage-Bart – aber alle demonstrieren damit Befreiung von Zwang. Vor allem auch dem Zwang, zivilisiert sein zu müssen – denn unsere Behaarung erinnert an unser animalisches Erbe, unsere „Wildheit“.

In meiner Jugend galten Frauen mit Oberlippenflaum und behaarten Beinen noch als „rassig“ und begehrenswert. Das änderte sich in den 1960er Jahren mit dem Angebot von Enthaarungscremen und -pflastern und den haarlosen Beinen der Models in der Strumpfwerbung. Später hatte die Achselbehaarung zu verschwinden, nicht nur bei Tänzerinnen sondern bei allen, die gepflegt gelten wollten – aber eigentlich sind diese Enthaarungszwänge subtile Aufforderungen zu Selbstverstümmelungen und sie lassen sich auf Urszenen von Kritik und Spott zurückführen. Gerade in der Pubertät leiden viele Jugendliche unter diesen Zeichen ihrer Geschlechtsreife, besonders wenn sie damit die ersten in den Gruppe der noch kindlich aussehenden Gleichaltrigen sind. Dazu kommt noch die Angst, vor gleich starken und wehrhaften Menschen als GeschlechtspartnerInnen – was sich auch in der pädophilen Hochstilisierung kindlicher Körperformen bei Models beweist.

Anfang der 1990er Jahre plädierte der amerikanische Lyriker Robert Bly für den „wilden Mann“ und fand eifrige Nachahmung in Büchern wie auch Seminaren. Die wilde Frau, das Vollblutweib hingegen blieb auf einige kleine Große-Göttin-Feministinnen beschränkt. Eh klar: Was unerwünscht ist, wird totgeschwiegen.