Gedanken über die Freiheit das gute Benehmen

Als Benutzerin der Linie U6 in Wien bin ich mitten in der neuen Wiener Gesellschaft, unter Kopftuchmüttern mit zwei oder mehr Kleinkindern auf dem Weg ins AKH, unter Jugendlichen sämtlicher Hautschattierungen, die ihrem Sozialstatus gemäß gestylt sind, unter ehrwürdigen, älteren Zuwanderern, die meist paarweise unterwegs sind (bei denen nicht immer nur die Frauen jene sind die schweigen), unter armen Teufeln mit riechbaren Alkoholproblemen (auf amerikanisch: white trash) und unter Verrückten.

In Stoßzeiten stehe oder sitze ich mit all diesen Bürgern des österreichischen Sozialstaates dicht aneinandergedrängt in einem U6 Boot und verlange als Staatsbürgerin, dass man sich in diesem Boot menschenwürdig benimmt, also: Dass man nicht mit den Beinen zappelt, nicht in der Nase herumbohrt, nicht telefoniert so dass es alle hören, keine stinkende Pizza auspackt und coram publico verspeistund dass man aufsteht, wenn ein gebrechlicher Mensch Platz braucht. Letzteres geschieht selten. Aber warum? Natürlich hat es die Kinder und Jugendlichen niemand mehr gelehrt, dass sie aufstehen sollen. Wenn sie es aber von zuhause mit bekamen, und doch nicht aufstehen, so ist meist ein kleines, rechteckiges Ding daran schuld: das Handy. Der Mensch der in ein solches glotzt, ist nicht mehr da wo er ist, sondern woanders. Deshalb steht dieser Mensch, ob jünger oder älter, auch nicht auf, wenn ein des Sitzplatzes Bedürftiger bei der Tür hereinhumpelt oder sich auf einen Rollator stützt. Der Handyglotzer sieht ihn nicht. Was also tun? Ich mache es so: Ich stupse den (meist jugendlichen) Menschen kurz an, lächle und zeige freundlich auf den Bedürftigen. Und siehe da, es ist noch jeder aufgestanden! Probleme gab es nur einmal mit einer Mutter, deren Prinzessinenkind auf dem für Alte, Blinde und Mütter mit Babys gekennzeichneten Platz saß. Sie hätte, als eine alte Dame einstieg und nach einem Sitzplatz suchte, jetzt, in diesem Augenblick die Möglichkeit gehabt, ihrer ungefähr fünfjährigen Prinzessin beizubringen, dass man für ältere Menschen aufsteht. Hat sie nicht getan. Habe ich, indem ich die Mutter anstupste, nicht das Kind. Sie ist bitterböse gewesen, die Prinzessin blieb sitzen, ein älterer Herr war für die Dame aufgestanden, und es war eindeutig ein älterer Herr aus dem Morgenland.

Außer mit der U6 fahre ich auch sehr oft mit der Bahn von Wien nach Kärnten. Und es gibt immer etwas Schweres zu transportieren. Warum das so ist, kann ich mir selbst nicht erklären, aber es ist so. Beim Ein- und beim Aussteigen schaue ich mich dann nach einem jungen Menschen um, der mir beim Heben des Koffers behilflich sein kann. Und es funktioniert. Ich frage: „Können Sie mir bitte helfen?“ Und schon gehts. Ich machte aber einige Male auch die Probe aufs Exempel, fragte niemand, und musste den Koffer selber heben. Ein einziges Mal bei ungefähr dreißig Bahnfahrten half mir ein junger Mann aus eigenem Antrieb.

Die Generation Ego befindet sich in einem Träumeland, sie sieht die Wirklichkeit nicht. Man muss sie also anstupsen und sagen: Hey, bitte aufwachen! Ich tu es. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass man mir dafür sogar dankbar ist.

Schlimm wird es nur, wenn sich jemand in sein Träumeland einspinnt. Oder bewusst provoziert. Wenn ein Betrunkener seine auch nicht sehr nüchterne Partnerin in der U-Bahn bedrängt und schlägt. Wenn eine junge Frau sich mit einem Mann in die letzte Bank setzt, den Reißverschluss seiner Hose öffnet und seinen Schwanz herausholt. Wenn eine verwirrte Frau einsteigt, in einer zarten alten Dame mit Hut sofort ein Opfer für ihre Attacken findet, die das Opfer mit schlimmen Worten völlig einschüchtert. Ich hab das alles erlebt und finde auch die Reaktion der Mitfahrenden schlimm. Sie rückten einfach von der Szene ab, standen auf, gingen einige Sitzplätze weiter. Ich lief, so schnell ich konnte, in jedem der Fälle zum Fahrer nach vor, um ihn auf die unliebsamen MitbürgerInnen aufmerksam zu machen, und jedes Mal hielt der Fahrer die U-Bahn (einmal war es die Straßenbahn) an, und warf die Delinquenten hinaus. (Dies passierte alles vor über einem halben Jahr. Jetzt gibt es die U-Bahn Aufsicht und ich finde sie gut).

Dass vor allem ältere Herrschaften aus dem Morgenland sehr höflich sind, bemerke ich oft. Bei den jungen der zweiten Generation finde ich diese Höflichkeit nicht mehr. Überhaupt: Haben wir etwa versäumt, der Jugend beizubringen, dass Freiheit nicht grenzenlos ist? Dass sie dort aufhört, wo sie anderen schadet? Gutes Benehmen, man lernt es leider nur in der Familie und in der Tanzstunde, kann auf so einfache Weise zu einem besseren Zusammenleben beitragen.