Fußfrei

Ahh. Endlich barfuß! Für mich ist das barfuß Laufen im Sommer eines der schönsten Sommergefühle nach dem Schwimmen. Es bedeutet Freiheit. Barfuß auf der Wiese. Barfuß im Sand. Ja, sogar barfuß am Asphalt wenn er nicht zu heiß ist. Ein weiteres köstliches Sommergefühl ist der Verzicht auf Makeup. Ich meine, ich trag ja sonst auch keine Schminke, außer in der Stadt wenn ich ausgehe. Da leg ich ein wenig auf. Die Schminkerei kommt eindeutig aus England und den USA, dort ist eine Frau wie „nackt“ wenn sie sich nicht schminkt. Es soll sogar  Frauen geben, die eine „Nachtschminke“ auflegen. Au wei! Für wen denn? Für den Göttergatten? In Kroatien übrigens heißt eine schicke Städterin „Sminkerica“. Schminken also bedeutet eine gewisse „cultura“ und dazu gehören auch die High Heels und engen Röcke der „Sponsorice“, das sind die Frauen, die sich von einem Sugar Daddy aushalten lassen.

Der Werbeslogan: „Die Schönheit kommt aus der Drogerie“ wurde erst in den Achtziger Jahren von einer der ersten Drogerieketten erfunden. Sie erinnern sich? Ungefähr zur selben Zeit stand auf den Plakaten einer Bank: „Anna, den Kredit hamma“. Ein junges Paar in einer leeren Wohnung war zu sehen, das sich nun endlich auf Kredit schiache Möbel leisten konnte anstatt sich, wie die Siebzigerjahre-Jugend (zu der ich mich zähle) mit Kisten und Schachteln einzurichten und auf Matratzen zu schlafen und das selten allein. Mit der Ermunterung zum Konsum kam der Kredit und mit diesem die „Kreditkarte“, steck sie rein und schon kommt Geld raus. Aber natürlich gab es in den Siebzigern auch schon feine Leute die barfuß laufende Naturmädchen wie mich rügten und kein zweites Mal auf Society-Events einluden. Heute ist es so, dass man dort eben High Heels einer bestimmten, teuren Marke haben muss und geschminkt sein muss und auch eine toupierte und mit Spray gefestigte Frisur. In den USA gibt es dafür Vorlagen bei den Frisören. So eine geföhnte Einheitsfrisur der neuen Firmensoldatinnen des Kapitalismus hält vier Tage. Die jungen Frauen, oft sind sie bedauernswerte Singles mit Hündchen, gehen damit schlafen, ähnlich wie die bürgerlichen Damen zur Zeit von Farah Diba, als die Frisöre vom täglichen „Auffrisieren“ ihrer Kundinnen lebten.

Wenn ich diese Zeilen schreibe sitze ich barfuß und ungeschminkt in einer kleinen Kneipe am Meer in der es Internet gibt. Ich trage ein langes Kleid aus den Siebzigern, das ich seither aufbewahrte, weil es aus, tja, Saint Tropez, aus geblümtem Batist und immer noch schön ist. Außerdem schützt es gegen die Gelsen die langsam munter werden. In der Dämmerung, in der man meine schönen pedikürten und rot lackierten Fußnägel bald nicht mehr sieht. Auf die legte ich schon damals wert und verwende noch heute ein bestimmtes Rot von CHANEL.

Dass ich nie High Heels trage und mich auch weigern würde, welche zu tragen – außer am Catwalk der Modeklasse der Angewandten, deren StudentInnen aberwitzige Schuhe erfinden (sollte man mich dazu einladen), verdanke ich nicht meiner Ungeschicklichkeit oder meinem Gesundheitsbewußtsein, sondern meiner Körpergröße von 178 cm, meinen langen Beinen, schmalen Hüften und den breiten Schultern einer Schwimmerin. Ich sehe in High Heels nämlich tatsächlich wie eine Transe aus, und das möchte ich  vermeiden. Ich bleibe barfuß.