Fleischbeschau

Im ORF Weltjournal vom 23. März ging es, wie häufig in letzter Zeit um den Islam. Man fühlt sich verpflichtet, Andersgläubige, zum Beispiel mich, über den Unterschied zwischen Islamismus und Islam zu informieren und zu belehren. Man ist dabei bemüht, mehreren Seiten das Wort zu geben, so auch gestern Abend. Zu Wort kam ein in England tätiger, populärer, radikaler Prediger mit Bart und goldumrandeter Brille der erklärte, warum die jungen Männer orientalischer Herkunft nach Syrien und in den Dschihad ziehen und warum er für die Einführung der Scharia in ganz Europa ist. Der Grund dafür sei der westliche Lebensstil. Im Fernsehen gäbe es nur noch nackte Frauen was verabscheuenswert sei. Und auf der Strasse gäbe es zuviel nackte Haut.

Die westlichen Werte?
Die will doch keiner, sprach der Mann mit dem Rauschebart.

Die Menschen wollen Schutz, Sicherheit und häusliches Glück.

In den Siebziger Jahren, als mir der Orient noch wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht erschien, reiste ich mit meinem Ehemann Roland Pleterski im Landrover durch die muslimischen Wüstenregionen Afrikas. Ich erinnere mich an eine Einkaufstour in der algerischen Oase El Oued, mitten in der Wüste. Ein Händler lockte uns in sein Geschäft, das mit Kleidern und Stoffen voll gestopft war. Er führte uns zu einem Schrank, aus dem er wunderschöne Dessous aus Spitze und Seide mit Sorgfalt  hervor zog. Ja, es gab sie im Islam, die Erotik, aber sie spielte sich nur in den sicheren vier Wänden eines Zuhause ab. Orientalinnen rasierten sich ihre Achselhaare und ihre Muschi, als bei uns in Österreich an jenen Stellen noch ein struppiger Busch war. Orientalinnen reinigten sich genüsslich im Hammam, als man sich bei uns nur wusch, was man sah und das kalt. Sex und Erotik sind im Orient privat. Und das ist anders als im Westen.

Die öffentliche Fleischbeschau ist ein Produkt der westlichen Konsumgesellschaft, und sie ist zu überdenken. Das ungenierte Zurschaustellen von wabbelnden Bäuchen, wogenden Busen und ausladenden Hintern ist abstoßend. Auch das Zurschaustellen von falschen oder echten in Form geschobenen Brüsten, wie man es etwa in den Berichten über den angeblich so noblen Opernball sehen kann.

Mit der viel gepriesenen Freiheit im Westen sollte man sorgfältiger umgehen. Es gilt, das Gespür für Nuancen wieder zu entdecken, das Erkennen von Grenzen. Wenn die Freiheit des Einzelnen die Umgebung beeinträchtigt oder stört, so wie mich erst kürzlich ein gepiercter Nabel der sich in der überfüllten U6 plötzlich nahe an meinem Gesicht befand, dann ist Kritik angebracht und die Freiheit in Gefahr.

Die Geschichte weiblicher Ver- und Enthüllung beginnt in der Antike. Doch fangen wir damit vor einer Generation an. Meine Mutter, geboren 1912, durfte noch als 30igjährige nicht in einem Kleid mit kurzen Ärmeln am Familientisch sitzen weil dies bei ihr zuhause „unanständig“ war. Ich durfte mit Vierzehn noch keinen Bikini tragen, da man den Nabel sah, auch das galt als „unanständig“. (Ein geschmückter Bauchnabel galt als typisch für orientalische Bauchtänzerinnen oder Afrikanerinnen im Bastrock).

In den Siebziger Jahren trugen wir unter Rippenpullovern keinen BH, so, dass sich die Brustwarzen abzeichneten. Wir provozierten bewusst und rebellierten gegen die gepanzerten Mieder unserer Mütter. Meiner Freundin, einer angehenden Gymnasialprofessorin drohte deshalb ein Disziplinarverfahren.

Die Werbung übernahm die neue Lust an mehr Haut. Anfang der Achtziger Jahre protestierte die Frauenbewegung gegen die Vermarktung (fast) nackter Models in Unterwäsche auf den Plakaten. Frauenkörper dürften, so das Argument, keine Ware sein. Dieser Protest war erfolglos.

In den Achtzigern wurden die Bikinis immer knapper. „Oben ohne“ wurde in vielen öffentlichen Bädern erlaubt. Und bald gefiel einer Frau ihr eigener Busen nicht mehr. Die ästhetische Chirurgie, die bis dahin nur im Dienste  der Opfer von Krankheit oder Unfällen stand, wurde zu einem Geschäftsmodell.
Die Grenzen zwischen Selbstbestimmung, Selbstvermarktung und Fremdvermarktung sind längst verschwunden. Die einzige Protestbewegung die ich heute sehe ist, nach Jahrzehnten der Enthüllung, ist die V e r hüllung. Ich habe einige der Mädchen und jungen Frauen im Verdacht, sich nur aus Protest von Kopf bis Fuß zu bedecken. Dabei sehen manche sogar anmutig aus. Voll geschminkte, sechzehnjährige Schönheiten sind darunter. Sie stehlen jeder volltätowierten Latzhosenträgerin die Schau.

Und wie geht es den jungen Männern dabei? Sie haben alle medialen Möglichkeiten sich abzutörnen. Pornos und Sex im Internet sind bequemer als direkter Kontakt mit lebendigen Wesen, die schenken, die aber auch fordern.

Der westliche Wert der Gleichberechtigung, das Recht auf Bewegung, auf Sport? Auf Schwimmen ohne Burkini?
Wie wär’s mal mit dem?