Fernlieben

Heute gibt es wieder „Liebesgeschichten und Heiratssachen“, und die Liebesfreudigen sind wie fast immer schon „Jenseits von Gut und Böse“, nämlich der Zeit des Doppelbettes.

Dieses hatte ja vor allem den Sinn, dass jede Möglichkeit zur Fortpflanzung ausgenutzt werden konnte … Ist man aber nicht mehr in dem Lebensalter, in dem die nächste Generation gegründet (und bitte auch aufgezogen!) werden sollte, sondern in der nächsten Lebensphase – der der Großen Mütter und Großen Väter, die Weisheit, Würde und Anstand vermitteln sollten – sind die Lebensaufgaben andere: Die eigene Erfahrungen und Traditionen weiter geben, der mittleren Generation Unterstützung zukommen lassen, den Jüngsten von der Vergangenheit und den damaligen Fehlern erzählen, damit sie es im Zukunft besser machen können – und auch, sich selbst auf den großen Abschied vorbereiten.

Das heißt auch: Das eigene Leben überschauen und in Ordnung bringen (wie auch immer die individuelle Ordnung aussehen mag).

Das alles ist gar nicht so leicht zu bewerkstelligen in einer Zeit, in der Tempo, Risiko und vor allen Jugendlichkeit (inklusive Torheit) zum generellen Leitbild erhoben wurde. Wo der oder die andere da – d. h. verfügbar – sein soll, wenn man vorbei rast und einen Augenblick Zeit und Lust hat. Aber die Nähe, die in der Zeit der tobenden Hormone gesucht und (hoffentlich!) angenehm erlebt wird, sollte sich mit zunehmenden geistig-seelischen Wachstum in Distanz ausdehnen – schließlich sollte man sich ja nicht nur fortpflanzen sondern empor (Zitat Friedrich Nietzsche, und das heißt vom erdhaften  Materialismus hin zur liebevoll himmlischen Gelassenheit oder anders gesagt: Man sollte erkennen, dass die Verhaltensweisen der ungestümen Jugend durch neue altersangemessene ersetzt gehören – durch gemessene statt unvermessene.

Der Produkt- und Dienstleistungswerbung ist das natürlich gar nicht recht: Man soll ja all das kaufen, das Falten, Bauchspeck oder Haarverlust mindert und Verlusttrauer mildert oder zumindest versteckt, von Viagra und Vagisan ganz zu schweigen.

In einer Fernbeziehung kann man ungehemmt lieben ohne andauernd Verstecken (der eigenen Altersmerkmale) spielen zu müssen.

Man kann immer wieder Hoch-Zeit feiern, wenn man nach Terminvereinbarung zusammen kommen kann – und nicht unentwegt, weil man an derselben Adresse sein Hab und Gut gebunkert hat.

Man braucht nicht (mehr) unter quer über den Rumpf gelegten Beinen schwitzen, bandscheibenfeindliche Bettakrobatik betreiben und darf nächtens aufstehen so viel man will, ohne sich den Vorwurf der Ruhestörung anhören zu müssen.

Man darf einfach lieben: Dem anderen gute Gedanken schenken, ob er oder sie „in materia“ präsent ist oder nicht, sondern Hauptsache „im Herzen“.

Liebesglück ohne Abhängigkeit oder Tyrannei.

Das kann man lernen – z. B. bei mir s. www.salutogenese.or.at – man muss dazu nur neue Neurosignaturen entwickeln.