Ein Fleisch sein

Nun ist also die Familiensynode III zu Ende und die Interpretationen der – für viele enttäuschenden – Ergebnisse wird Zeit brauchen.

Jedenfalls weiß man jetzt, wie der aktuelle Meinungsstand in der römisch-katholischen Kirche aussieht. Er unterscheidet sich nicht nur krass von der in der evangelischen Kirche vorherrschenden Sichtweise auf Scheidungen, sondern auch von anderen katholischen Kirchen – die gibt es nämlich auch, sie werden nur medial totgeschwiegen – außer es gibt einen neuen Bischof wie augenblicklich in der Altkatholischen Kirche Österreichs.

Was aber Thema sein sollte, sind die Fragen rund um den Begriff der „Unauflöslichkeit der Ehe“. Da gibt es einerseits das Jesuswort „Was denn Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“.  (Markus 10,9) Abgesehen davon, dass man sich von Gott kein Bild machen – Gott also nicht menschlich denken soll – stellt sich die Frage: Was aber wenn Gott scheidet? Das Alte Testament ist voll von Berichten vom Sinneswandel Gottes. Oder anders gesagt: Wenn sich etwas ändert, hat das auch mit einem selbst zu tun. Was hat man dazu – was dagegen beigetragen? Was hätte man vielleicht besser machen sollen – und kann man noch korrigieren?

In Markus 10,7–8, also vor den angeblichen Scheideverbot, heißt es: „Darum wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhangen  / Und werden die zwei  e i n  Fleisch sein. So sind sie nun nicht zwei, sondern  e i n  Fleisch.“

„Ein Fleisch“ – das kann man sich natürlich auch nur so vorstellen, wie das in Boccaccios Dekameron immer wieder angesprochene „Tier mit dem Doppelrücken“ – als von Angesicht zu Angesicht kopulierendes Paar. Tatsächlich bedeutet „ein Fleisch“ aber mehr als etwas Materielles, Sichtbares. Es bedeutet, die andere Person ganzheitlich „in sich aufnehmen“, so, dass man spürt „ich bin du und du bist ich“. Diese Entgrenzung und Verschmelzung halten viele Leute nicht aus – die haben dann oft das Gefühl, zu zerplatzen – dabei ist es nur das Herz, dass sich mit „Liebe“ anfüllt und dabei weiten muss – und diese Herzöffnung und Herzweitung macht Angst, wenn man nicht weiß, wie man das bewerkstelligt. Dabei ist es relativ einfach erklärt – durchs tiefes Atmen! Und wenn man dann die geliebte Person tief in sich hat – was manche Dichter, Songschreiber und Musiker in ihrer Kunst wiedergeben – dann ist man „ein Fleisch“ und kann gar nicht untreu sein (auch wenn ab und zu der Gedanke aufblitzt), denn dann ist man vom Anderen so erfüllt wie ein Handschuh von seiner Hand. Das ist nicht nur eine Erfahrung von Frauen, sondern auch von Männern! Aber vermutlich nicht von zölibatär lebenden Männern, die denken, „ein Fleisch“ hieße nur „Glied in der Scheide“.

Sexuelle Flachwurzler, die in der gegenwärtigen „flüchtigen Moderne“ wie ein Schmetterling von Mensch zu Mensch flattern, kennen diese Tiefe nicht – und wollen sie vielleicht auch gar nicht kennen. Das ist als deren Lebensstil zu respektieren. Es gibt aber auch einen anderen Lebensstil – den hatte wohl Jesus im Auge, denn wogegen er war, war die Verstoßung der Ehefrau nach Lust und Laune mittels einfachem Scheidebrief.