Ein Alter oder viele?

Der österreichische Aktionskünstler Hermann Nitsch (77) will nicht aufhören zu arbeiten, entnehme ich den Medien vom 3. Februar, sondern „bis zum letzten Atemzug“ seine Werke verwirklichen. Aber wollen wir das nicht alle? Nur die Art der Werke differiert …

„Das Alter ist anstrengend, schwer, schmerzensreich, und es ist besser, man macht im Alter noch was, als sich den Schmerzen hinzugeben“, wird der „Blutmystiker“ (Wortschöpfung von mir) zitiert. Nun ja – wenn man so „schwergewichtig“ und alkoholaffin ist wie Nitsch, wird man wohl mehr Schmerzen zu ertragen haben als so manche im gleichen Alter, die weitgehend giftfrei zu leben versuchen.

pippi-langstrumpfMir ist aber viel wichtiger, als mich auf individuelle Altersfolgen zu beziehen, auf die unübersehbare Suggestion hinzuweisen: „Das Alter“ – ja gibt es denn das?

Es gibt doch so viele Alter, für jedes Jahr, jeden Monat, jede Stunde … jede Situation …

Nitsch hätte sagen müssen: „Mein Alter als End-70jähriger “ – aber auch das wird Augenblicke beinhalten, die schmerzlos sind oder Schmerzen vergessen lassen … wünsche ich ihm wenigstens!

Gerade wir intellektuellen und urbanen Alt-68er sind doch so ganz anders als unsere Eltern und Großeltern!

Wir sind mit Pippi Langstrumpf aufgewachsen und „bauen uns die Welt wie es uns gefällt“!

rotraud-a-perner_stress-alterDeswegen taugt mir ja die „seriöse“ oder „praktische“ Mode nicht, mit denen uns der Versandhandel in die Klischees Oma mit Strickstrumpf oder Dame mit Perlenkette fixieren will. Medial gibt es nur Matronen à la Resi Berghammer oder Golden Girls, schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin Aga Trnka-Kwiecinski in meinem Buch „Stress & Alter“. Es sind aber nicht nur Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die „bis zum letzten Atemzug“ aktiv bleiben – nur die werden medial kaum präsentiert. Warum eigentlich nicht?