Die Zeitmillionärin

Ich bin Zeitmillionärin. Zur Zeitmillionärin geworden bin ich auf der Insel Olib in Dalmatien, wo ich mir vor vierzehn Jahren um wenig Geld ein grandioses Haus kaufte. Die Maklerin, die mir das Haus verkaufte, riet mir ab. Auf dieser Insel, so sagte sie, gibt es NICHTS. Dieses NICHTS, das reizte mich. Auch das Haus wäre unansehnlich, so ohne Balkone und Infrastruktur rundherum. Und die Leute auf der Insel? Igitt! Allesamt Eigenbrötler und ein bisschen hinten, was die Zivilisation betrifft. Mein Buch, das meine Ankunft auf der Insel und mein Herantasten an die mediterrane Mentalität beschreibt trägt den Titel: „Ein Haus in Dalmatien“ (Verlag Carinthia).

Friederun Pleterski | Ein Haus in DalmatienAuf Olib gab es einen feschen Mann, gleich alt wie ich, einen von der Insel stammenden Amerikaner, der in den Sechziger Jahren aus Jugoslawien nach San Francisco ausgewandert war. Wir verliebten uns ineinander. Zusammen kamen wir nie. Der Grund war unsere diametral unterschiedliche Auffassung vom Inselleben. Ich wollte die Insel retten: Die wunderbaren alten Häuser, in denen keiner mehr wohnt davor bewahren, von schiachen Neubauten verdrängt zu werden, die Frauen als Hüterinnen der Gärten dazu animieren, es mal auch mit anderem mediterranen Gemüse zu versuchen, statt nur mit Petersilie und Kraut. Das erste Fast Food Restaurant davon zu überzeugen, dass die einfache Inselküche die bessere ist, ein Musterbeispiel an „slow food“. Mit Sonnenkollektoren Energie einzufangen. Sogar ein Kulturprojekt schwebte mir vor, ein  feines und leises Musikfestival, statt lautem Volkspop . Ich war aktiv und scheiterte kläglich. Mein Freund hingegen hatte in San Francisco alles was er sich erarbeitet hatte verkauft, um auf der Heimatinsel von da an nichts mehr zu tun. Absolut nichts. Das bedeutete für ihn, dass er nur fischen will. Einfach nur fischen. Dieses nicht erwerbsmäßige Fischen beinhaltet das Warten. Es ist nicht planbar. Er saß herum und wartete auf günstiges Wetter. Dann fuhr er hinaus. Er brauchte Jahre der Beobachtung und des Studiums der Fischgründe, um zu dem zu werden, was er wurde: ein Meisterfischer. Auch darüber schrieb ich ein Buch, das von der Kunst des Nichtstuns handelt: Dalmatinisches Inselbuch (Verlag Carinthia).

Friederun Pleterski | Dalmatinisches InselbuchZur Ruhe kommen fiel mir schwer. Es musste schon etwas passieren, um meinen Weg zu ändern. Eine schwere Krankheit zwang mich zur Ruhe und in dieser zum Nachdenken. Zum Reflektieren über meine Multiaktivitäten.

Da ich die Vergangenheit nicht ändern kann und nicht weiß, wie viele gute Jahre noch vor mir liegen, lebe ich seither in der Gegenwart und in dieser intensiv. Es gibt nichts, das zu unbedeutend wäre, als dass man es nicht als etwas Großes empfinden kann. Ich empfinde jeden Tag als kostbares Geschenk.

Letzten Sommer zog ich für vier Monate ganz auf die Insel. Ich schrieb Tagebuch, das war meine einzige, regelmäßige, und, wenn man so will, geplante Tätigkeit. Alles andere passierte von selbst. Auf diese Weise wurde der Alltag zum Abenteuer. Ich erlebte Situationen, die ich mir nie hätte ausdenken können. Und ich lernte die Menschen, die sich wie ich auf die Insel zurückziehen, näher kennen. Sie sind Zeitmillionäre wie ich. Der Maler, der ohne Köder angelt, weil er gar nichts fangen will, die arbeitslose Verkäuferin, die keinen Job mehr sucht, weil sie gelernt hat bargeldlos in der Selbstversorgung wunderbar zu leben, die wohlhabende fünfundsiebzigjährige Jungfrau, die der Kirche zweihundert neue und handgearbeitete Kirchenbänke schenkte und damit glücklich ist, und meinen sehr alten Nachbarn, dessen Motto „Take it easy“ ist. Er flickt noch immer seine Netze, obwohl er nicht mehr fischt. Es taugt ihm.

Es geschehen lassen. In den Tag hinein leben. Die Kolkraben, diese klugen Tiere, davon abhalten, reife Tomaten aus dem Garten zu stehlen. Davon handelt das Buch, das ich derzeit schreibe. Wann es fertig ist? Abwarten. Es ist fertig, wenn es fertig ist.

Aktives Nichtstun und voll in der Gegenwart leben, in einer unaufgeregten Umgebung, in der es keinen schnellen Schritt gibt, schärft alle Sinne, nicht nur den Blick. Es würde vielen Menschen gut tun. Dass man dazu keine Insel braucht, ist klar. Ein abgeschiedener Ort in den Bergen, in den man sich zum Alleinsein zurück zieht, tut es auch.