Die Palmström-Doktrin

Selbst diejenigen, die sich nie in die Gedankenwelt Christian Morgensterns vertieft haben, kennen vermutlich seine Geschöpfe Palmström (und vielleicht sogar den weniger oft zitierten Korf).

Vor allem die „unmögliche Tatsache“ ist bekannt, in der Palmström, von einem Kraftfahrzeug überfahren, nach einem juristisch Schuldigen sucht: „Eingehüllt in feuchte Tücher/ prüft der die Gesetzesbücher/ und ist alsobald im klaren: Wagen durften dort nicht fahren! Und er kommt zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Ergebnis. Weil, so schließt er messerscharf; nicht sein kann, was nicht sein darf.“

So ähnlich reagierte wohl auch Leo Prothmann, ein greiser (verheirateter) katholischer Ex-Priester und nachfolgend Jungianischer Psychoanalytiker, als es ihn drängte, mich als Person – nicht aber meinen Text, auf den er sich u. a. bezieht – in einem Leserbrief im Standard (28. 1., S. 38) mit den Worten zu verunglimpfen: „Rotraud Perner fühlt sich in zu vielen verschiedenen Bereichen kompetent, um es wirklich sein zu können.“, denn so schließt auch er messerscharf, was er nicht kann, auch nicht sein darf.

Und schon gar nicht von einer Frau!

Die amerikanische Linguistik-Professorin Deborah Tannen fällt mir ein, die in ihrem seinerzeitigen Bestseller „Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden“  beschreibt, wie Männer sich als Besserwisser inszenieren und Frauen in die Rolle einer Schülerin zu drängen versuchen (S. 133). Das geschieht sogar dann, wenn sie als Fachfrau über überlegenes Wissen verfügt. So erzählt sie: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen, denen ich von meiner Arbeit berichte, mir im allgemeinen Fragen dazu stellen. [ …] Aber wenn ich Männern erzähle, welchen Beruf ich ausübe, halten mir viele einen Vortrag über Sprache – zum Beispiel darüber, wie einige Leute, vor allem Teenager, heutzutage Sprache misshandeln. Andere fordern mich heraus, indem sie zum Beispiel meine Untersuchungsmethoden in Frage stellen. Viele wechseln das Thema und reden über etwas, von dem sie mehr verstehen.“ (Tannen schränkt allerdings ein, dass nicht jeder Mann so agiere, dass aber dieses Verhalten als typisch männlich bezeichnet werden kann – auch wenn es eine Frau praktiziert.)

Diese Verhaltensweise wurzelt in zwei Motiven: Das eine ist der „mimetische Furor“, wie  der französische Kulturanthropologe René Girard den rivalisierenden Eifer benennt, der ungeregelt zu Gewalt führt, und dieser wurzelt zum anderen in der Projektion der unbewussten eigenen Unzulänglichkeitsempfindungen auf die Person, die – aktive oder passive – Vernichtungsphantasien ausgelöst hat. (Ist diese Psychodynamik nämlich bereits bewusst geworden, wird entweder offen konkurriert oder statt dessen kooperiert, um sich was abzuschauen.) Es gibt allerdings noch eine dritte „Ur-Sache“: Den Zwang, unter dem die Generation der „alten Männer“ steht (laut P. M. Zulehner zeigen sich die „neuen Männer“ in den Geburtsjahrgängen ab ca. 1960), besser sein zu müssen als Frauen, Töchter inbegriffen. Das lautet dann „Sei gut – aber ja nicht besser als ich!“.

In meiner Fachpublizistik betone ich immer wieder:
Die Wurzel der Gewalt ist der Vergleich.

Ein Vergleich führt zu einem Urteil – Werturteil – und oft zu einer ausgesprochenen Verurteilung.

Transaktionsanalytisch entschlüsselt, begibt sich die Person, die sich überlegen fühlen möchte – jetzt passt das Wort fühlen – in die Position des „kritischen/ nörgelnden/ strafenden Eltern-Ich“, setzt die eigenen Aussagen absolut und versucht damit, eine Paardynamik auszulösen, die die andere Person dazu zu bringen soll, dass sie in den Zustand des „angepassten Kindheits-Ich“ verfällt und sich unterwirft oder emotional, d. h. unvernünftig rebelliert; oder sie will gar bei einem größeren Publikum erfolgreich Legendenbildung betreiben. Das sind Strategien der – bewussten wie auch unbewussten – psychologischen Kriegsführung. Bei Psychotherapeuten wie auch Pfarrern (exzellent herausgearbeitet von dem derzeit in Wien lehrenden evangelischen Homiletikprofessor Wilfried Engemann) sind sie nicht nur schwere Kunstfehler sondern vor allem erwiesene Disqualifikation, was Menschlichkeit und Gewaltverzicht betrifft.

Zur Palmström-Doktrin zählt daher auch, die Sprachform zu ignorieren, in der Menschen subtil „angepatzt“ werden: Jemand, der beruflich Expertenstatus besitzt, kann doch gar nicht sprachlich boshaft (oder inkompetent) sein. Ich selbst bemühe mich sehr um Selbstkontrolle und schreibe immer und immer wieder um, wenn ich entdecke, dass mir alltagssprachliche Inkorrektheiten passiert sind. Dazu gehört etwa die schlampige (oder absichtliche) Verwendung des Wortes „fühlen“, wenn man jemand Tatsachen absprechen will – so wie Leo Prothmann schreibt, ich „fühle mich kompetent“, wo er nur in Wikipedia oder im Austria Forum nachlesen müsste (von meiner eigenen Homepage www.perner.info ganz zu schweigen, denn dort gebe ich Texte frei, zu den vorher genannten Internetinhalten habe ich keinen Zugang) um sich wahrheitsgemäß zu bilden: Ich „bin“ auf Grund all meiner korrekt erlernten und durch nachweislich jahrelange Praxis in Institutionen vervollkommneten Berufsqualifikationen kompetent. Sonst wäre ich ja auch nicht als Universitätsprofessorin berufen worden und ebenso nicht als Gerichtssachverständige für Psychotherapie.

Interessant ist auch, wie sich Leo Prothmann als Richter geriert, wenn er von „zu vielen Bereichen“ schreibt – nämlich wieder absolut gesetzt. Irenäus Eibl-Eibesfeldt fällt mir ein, der in seinem Buch „Der Mensch – das riskierte Wesen“ einen „Dogmatismusquotient“ beschreibt. (Mir ist vor allem auch in Erinnerung geblieben, wie er dazu erklärt, dass man diesen z. B. in Nietzsches Schriften immer dann beobachten kann, wenn er gerade einen paralytischen Krankheitsschub hatte.) Eibl-Eibesfeldt schreibt: „Die dogmatische Persönlichkeit ist durch starre Überzeugungen gekennzeichnet. Meinungen, die den eigenen Überzeugungen entgegenstehen, werden auf eine verkürzte Formel gebracht, damit ad absurdum geführt und verworfen. Die Bereitschaft, die Meinung anderer Menschen anzuhören, besteht nur, wenn sie die eigenen Überzeugungen stützen, nicht dagegen, wenn sie ihnen entgegenstehen.“ (S. 63 ff.) Auf meine „Meinung“ – ich formuliere lieber „Sichtweisen“ (nachzulesen in meinem „Brief gegen Gewalt“ Nr. 67 vom 11. 1. 2017, nachzulesen auf www.haltgewalt.at) – ist er allerdings gar nicht eingegangen. Es ging ihm folglich nur um mich und meine singuläre Querschnittskompetenz als (biographische Reihenfolge der Ausbildungen) Juristin, Sozialtherapeutin, Feldsupervisorin, fünffach ausgebildete Psychotherapeutin / Psychoanalytikerin, Projektberaterin, Erwachsenenpädagogin, Diplommediatorin, evang. Theologin und Hochschulpfarrerin (im Ehrenamt, da ich ja zum Zeitpunkt meiner Amtsberufung schon 71 Jahre alt war).

In wieviel Bereichen „darf“ man denn nach Prothmanns Ansicht Kompetenz haben? Nur zwei wie er? Oder darf man – oder besser frau – sich lebenslang weiter entwickeln?

Oder liegt dahinter vielleicht ein stiller Schmerz, als Ehemann nicht mehr Priester sein zu dürfen? Immerhin besitzt die Priesterweihe „character indelebilis“, d. h. sie ist immerwährend und unaufhebbar. Dieses Weh könnte ich gut verstehen – habe ich ja auch viele katholische Pfarrer und Ordensleute in ihrer Not begleiten dürfen, wenn sie von Liebe erfüllt vor dem Wagnisschritt ins Ungewisse standen, ihre sichere Einbindung ins bewährte System zugunsten einer unsicheren Herzensbindung ohne System aufzugeben. In die eigene Gefühlstiefe hinabsteigen, um die dort schlummernden Tiefenmotive zu orten, gehört eigentlich zur geforderten täglichen Gewissensprüfung von Pfarrern wie von Psychotherapeuten. In beiden Berufen wird Liebe gefordert: Den anderen annehmen und verstehen versuchen. Und sich selbst auch!

Nach der Palmström-Doktrin wird das a priori unkritisch vorausgesetzt: Mit dem „Schein“ (der Berufsberechtigung) wird auch der „Schein“ (der Gloriole) angenommen. Weil nicht anders sein kann, was nicht anders sein soll.