Die österreichische Krankheit

Der international hochrenommierte deutsch-amerikanische Reformpädagoge Frederick Meyer (1921 Frankfurt–2006 Wien) – seine „History of Educational Thought“ wurde in 20 Sprachen übersetzt – nannte Neid die österreichische Krankheit. Sie äußert sich vor allem darin, dass man die Karrieren und Erfolge anderer Menschen vorgeblich „nur kritisch“ heruntermacht, die eigenen aber unter Betonung, dass man eigentlich sehr bescheiden wäre und sich insgeheim des Erfolgs schäme, glorifiziert.

Zu den dabei angewandten „Techniken“ zählt auch der Satz:

„Ja dürfen die das überhaupt?“

Dazu aktuell: Darf beispielsweise der Psychologe und Soziologe Christian Felber, Jahrgang 1972, der österreichische Vordenker und Publizist in Sachen radikaler Umgestaltung der Gemeinwirtschaft, in Schulbüchern neben solchen Größen wir Keynes, Friedman, Marx und Hayek genannt werden? Nach der Meinung einiger Lehrenden der Wirtschaftsuniversität Wien keinesfalls – er habe ja nicht Wirtschaftswissenschaften studiert. Karl Marx übrigens auch nicht, der war Philosoph und – Journalist!

Und noch aktueller: Darf der niederösterreichische Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka Innenminister werden? Flugs wird in den Medien darauf hingewiesen, dass er „Musikpädagoge“ bzw. „gelernter Dirigent“ sei. Ja und? Der Ton macht bekanntlich die Musik, und die Fähigkeit, diesen je nachdem fein oder grob abzustimmen oder einen Haufen „Künstler“ zu Harmonie zu bringen, sind ja durchaus Qualifikationen, deren die Politik bedarf … Interessant ist nur, dass seine jahrzehntelang bewiesenen Managerfähigkeiten – und auf die kommt es ja an der Spitze der Verwaltung primär an – medial ignoriert werden …

Kein Mensch verlangt von einem Gynäkologen, dass er selbst geboren haben muss – oder von einem Kardinal, dass er eine erfolgreiche Ehe samt Kinderbetreuung nachweist. Denn in der Arbeitswelt glauben noch immer viele, dass beispielsweise ein Spitzenjurist automatisch auch geeignet wäre, Teams und Belegschaften gewaltverzichtend zu motivieren und gesundheitsfördernd zu führen, obwohl die Forschung nachgewiesen hat, dass es dazu ganz anderer Fähigkeiten bedarf.

Umgekehrt: Ich selbst muss mir oft Kritik gefallen lassen, dass ich mir erlaubt habe, mehr als  ein halbes Dutzend Berufe ordentlich zu erlernen, und mehr noch, auch mit über 70  immer noch gleichzeitig auszuüben. Ein Motiv dabei war meine Angst vor genau diesen Vorwürfen: Ich wollte mich nicht mit dem Hinweis auf „Schuster bleib bei deinem Leisten“ in meinem Entwicklungsweg beschränken lassen – vor allem aber wollte ich die Rückmeldung bzw. Bestätigung kompetenter Fachleute, ob ich wirklich die Begabungen besäße und nicht etwa dem Hitler-Wahn „Und ich beschloss Politiker zu werden!“ anheimgefallen sei.

In Österreich wird – im Gegensatz zu den USA – immer noch verlangt, dass man mit „Brief und Siegel“, d. h. mit dem absolvierten Hürdenlauf durch schulische Institutionen, nachweist, dass man das kann was man kann – dabei besagt das ja nur, dass man sich brav angepasst hat.

Viel zu viele großen Österreicher_innen wurden daheim meist erst nach einem Umweg übers Ausland anerkannt – und viele sind gleich dort geblieben. Ein großer Verlust für unser Land.