„Die Lust auf Sex entstehe allein im Kopf“

„Die Lust auf Sex entstehe allein im Kopf“, jedenfalls bei Frauen, jubelt Barbara Morawec in den heutigen Salzburger Nachrichten, und miteinander über sexuelle Bedürfnisse zu reden wirke so gut wie die „Lustpille“ für die Frau – so eine Untersuchung der MedUni Wien an Frauen, die an einer sogenannten Sexualfunktionsstörung „litten“.

Man beachte die Wortwahl! Sie setzt nämlich voraus, dass eine „funktionierende“ Frau immer Lust haben sollte – und dass sie dann daran leidet … und nicht etwa an der Nörgelei des Partners oder an Unzulänglichkeitsgefühlen in einer Konsumgesellschaft, in der alles mittels Sexbildern und -sprüchen beworben wird.

Oder an Schlafmangel.

Das Fazit der Forscher, so der Bericht, sei, dass „Störungen der weiblichen Sexualfunktion“ nicht nur ein „chemischer Mangel im Hormonhaushalt“ sei, sondern ein „Zeichen für fehlende Kommunikation“ oder Alltagsstress. Typisches Ärztedenken!

Der Volksmund sagt dazu: Wer einen Hammer besitzt, definiert jedes Problem als einen Nagel …

Ganzheitlich ausgebildete SexualtherapeutInnen – die es kaum gibt, meist nennen sich nur manche Verhaltenstherapeuten so und trainieren bloß auf Abbau von Hemmungen – hingegen lehnen es ab, Frauen als krank oder gestört zu definieren, wenn sie einfach keine Lust haben.

Wenn man erschöpft ist, andere Dinge im Kopf hat (z.B. Beruf und Weiterbildung, Haushalt und Kinder und womöglich sonst noch etliches ohne Unterstützung bewältigen zu müssen) und noch dazu in Frage gestellt wird, vergeht wohl allen Menschen jegliche Lust!

Schon in den frühen 1980er Jahren, als ich meine Ausbildung in Systemischer Sexualtherapie absolvierte, wurde als therapeutische Methode empfohlen, lustlose Paare aufzufordern, sich über ihre sexuellen Phantasien auszutauschen – so nach dem Motto „Der Appetit kommt beim Essen“: Einer wird schon geil werden und den jeweils anderen „anstecken“. Tatsächlich zeigte die klinische Erfahrung in den Sexualberatungsstellen, dass viele sich abgestoßen, bedrängt, vor allem aber nicht wertgeschätzt fühlten, wenn sie mit geheimsten Optionen konfrontiert wurden.

Wurde jedoch das „Lust haben müssen“ durch „Nicht Lust haben müssen“ ersetzt, kam die Lust plötzlich zurück …

Es liegt einerseits an der Werbung für Pharmaprodukte oder medizinisch/therapeutische Dienstleistungen, dass etliche Menschen glauben, so sein zu sollen, wie es da propagiert wird – andererseits aber an der Sehnsucht nach Beglückung. In meinem Buch „Der erschöpfte Mensch“ habe ich das als Kühlschranksyndrom bezeichnet: Man geht ohne Hunger oder Appetit nächtens zum Eiskasten und hofft, dort irgendetwas zu entdecken, das einen „leckern“ könnte – oder surft im Internet (nicht nur nach Pornographie), immer in Erwartung, etwas zu finden, das einen „anregt“. Reizhunger heißt das in der Fachsprache, und bedeutet: Das Leben ist zu energiearm – es gleitet in Richtung Depression.

Energie bekommt man aber nicht nur durch sexuelle „Ausbeutung“ eines anderen – es gibt „nachhaltigere“ Methoden.