Die Illusion von der Unabhängigkeit

Offensichtlich glauben die Bundespräsidentschaftskandidat_innen, bei der Bevölkerung gut anzukommen, wenn sie ihre Unabhängigkeit wie eine Fahne oder besser: Schutzschild! vor sich her tragen – aber Unabhängigkeit gibt es nicht. Wir sind alle mehr oder weniger abhängig – und so zu tun, als ob manfrau wie Gott über allen menschlichen Abhängigkeiten thronen könnte, heißt, den Empfänger_innen der Botschaft Sand in die Augen zu streuen.

Wer sich auch nur ein wenig mit Vorurteilsforschung befasst hat, wird sensibel auf die unreflektierten Unterstellungen leider besonders von Angehörigen der Berufe reagieren, die massiv in das Leben von Menschen eingreifen: Das sind vor allem Lehrkräfte, aber auch alle, die Recht sprechen. Dazu zähle ich auch die Beamtenschaft, die über Beihilfen entscheidet.

Die Unabhängigkeit und Unab- und Unversetzbarkeit von Richtern wurde deswegen verfassungsmäßig festgelegt, damit sie nicht aus politischer Missliebigkeit entfernt werden können – d. h. sie besteht in einer „Fesselung“ der übergeordneten Aufsichts- und Verwaltungseinrichtungen und soll Missbrauch durch diese verhindern. Über das, was sich in Geist, Seele und Körper der jeweiligen Person abspielt, besagen diese Begriffe nichts … und je mehr sich jemand darauf versteift, unabhängig zu sein, desto mehr kann man davon ausgehen, dass hier Selbstkritik fehlt.

In unserer immer mehr digitalisierten Welt wird Geschwindigkeit im Handeln – dazu gehört auch das Reden – und vorgelagert Denken gefordert. Besonders im Fernsehen, wo jede Sekunde Geldwert besitzt. Da werden dann Schlagworte herausgesprudelt, ohne sie zu erklären, daher halte ich es für unabdingbar, dass Fernsehjournalst_innen sofort mit solch einer Aufforderung einhaken. Ich beglückwünsche immer die Führungskräfte, die zu mir ins Coaching kommen, weil sie sich Zeit nehmen, ihre Entscheidungen und deren Motive in Ruhe und Tiefe zu hinterfragen.

Ich finde nichts Schlechtes dabei, von einer politischen Partei den Wahlkampf finanziert zu bekommen, dann weiß man nämlich, wer konkret diese Financiers sind. Adolf Hitler beispielsweise wurde von der Großindustrie „gesponsert“ wie man heute weiß, die bereits weitblickend mit den Aufträgen im Zuge der Wiederaufrüstung rechneten.

Ich habe gegenwärtig den Eindruck, dass viele Menschen aus Enttäuschung oder Protest gegen die alteingesessenen ehemaligen Großparteien bereit sind, Personen ohne diesen biographischen Hintergrund finanziell oder ideell oder mit bezahlter Arbeitskraft zu unterstützen; sie unterstützen damit Personen, die ihrem persönlichen Ehrgeiz (Griss) oder PR-Konzept (Lugner-City) oder Engagement (Van der Bellen: Österreich zum grünen Vorreiter in der EU machen) frönen. Auch dies alles ist biographisch gewachsen – und damit abhängig von Erziehung, Wegbegleitern, Partnerpersonen und all denen, mit deren Erwartungen (und hoffentlich auch Kritik!) man tagtäglich konfrontiert ist – und dem Ideal-Selbstbild.

Und genau da lege ich Wert darauf, dieses über einen langen Zeitraum zu kennen – und nicht nur die Performance im Wahlkampf.