Die großen Familien

Ségolène Royal, 62, derzeit Frankreichs Umweltministerin, könnte neue Außenministerin werden, und schon wird ihre jahrelange Lebenspartnerschaft mit Francois Hollande samt vier gemeinsamen Kindern in Erinnerung gerufen – nicht aber ihre beruflichen Karriereschritte als Richterin und Rechtsanwältin, Wirtschaftswissenschaftlerin, Regierungsberaterin, von ihrem politischen Aufstieg über verschiedene Ministerämter bis zur Spitzenkandidatin in der Präsidentschaftswahl 2006/07 ganz zu schweigen. „Altes neues Politpaar“ lese ich dazu als Titel auf ORF online.

Als ich Mandatarin der SPÖ  Favoriten war (1973–1987 hörte ich immer wieder in den Sitzungen, in denen über Kandidatenlisten entschieden wurde, dass es nicht angehe, das bei Verheirateten Mann und Frau im gleichen Abgeordnetenhaus wirken dürften. Entweder er oder sie. Ich erinnere mich noch gut, wie Romana Strangl, Bezirksrätin, vor die Wahl gestellt „Er oder sie?“ bescheiden flüsterte: „Nehmt’s doch den Ossi!“ und ihr Mann Oswald Strangl, ebenfalls Bezirksrat und vor allem Eisenbahnergewerkschafter des „starken“ Südbahnhofs, zog in den Wiener Landtag und Gemeinderat ein.

Diese Regel verhinderte auch, dass Margit Czernetz, Bezirksrätin in Wien Neubau, in den Nationalrat einziehen konnte – saß doch dort schon ihr als Schulungsspezialist „unverzichtbarer“ Mann Karl – allerdings auch dessen Freundin, die spätere Staatssekretärin im Handelsministerium und Chefredakteurin der SP-Frauenzeitschrift „Die Frau“,  Anneliese Albrecht.

Dank des neuen Namensrechts fallen heute die Politpartnerschaften nicht mehr so auf – und die Jungen in der SPÖ scheinen sich auch gegen frauendiskriminierende Spielregeln zu wehren (außer in Oberösterreich!); allerdings scheinen diese Paarungen in den offiziellen Porträts nicht auf. Warum nicht? Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely und Klubobmann Andreas Schieder (der ja auch einer weitverzweigten Polit-Familie entstammt), Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Gemeinderätin Sonja Kato … Klubobmann Christian Oxonitsch hingegen ist von Umweltstadträtin Ulli Sima wieder geschieden, dafür sieht man Gemeinderätin Martina Ludwig, Tochter des Favoritner Parteisekretärs und  Nationalratsabgeordneten Hans Ludwig und langjährige Wiener Frauensekretärin,  zumindest am Opernball an der Seite ihres Ehemannes Werner Faymann. Da ahnt man dann, worüber daheim sinniert wird … vorausgesetzt Frauen werden nicht nur als Anhängsel ihrer Männer gesehen wie vor 30, 40 Jahren. Es ist gut, dass – zumindest in Wien – das „Ehe-Stigma“ gefallen ist (auch wenn manche sich sorgen, dass ein paar „Patrizierfamilien“ Wien regieren).