Der größte Fehler ihres Lebens

„Sie ist wieder da“. Unter diesem Titel erschien im SPIEGEL 11 ein umfassender Artikel, der das Phänomen „Zurück an den Herd“ beschreibt. Es geht um Deutschlands junge Akademikerinnen, denen alle Berufe offen stehen, die aber mit der Geburt der Kinder in den Haushalt wechseln, um dort länger als von der Politik vorgesehen zu bleiben. Geld, so sagen sie, sei ihnen nicht wichtig. Sie wollen das Familienglück. Warnungen, sie könnten irgendwann auf der Strasse stehen, schlagen sie in den Wind. Dazu fällt mir die Geschichte meiner Freundin Margit ein, die heute sagt, sie habe durch ihr Versäumnis, wieder in den Beruf einzusteigen, den größten Fehler ihres Lebens begangen.

Ihr rundes und pausbäckiges Gesicht kommt ihrem Aussehen heute zugute, außer den Labialfalten sind keine weiteren Furchen in ihrer glatten gepflegten Haut zu finden. Ihre mollige Figur und die dicken Beine kaschiert sie mit der ihr eigenen Geschmackssicherheit und ihrem Gefühl für Farben, sie hat immer noch ihren Haarschnitt aus den Sechzigern, der wieder modern ist, ihre dichten kohlrabenschwarzen Haare sind mit Silberfäden durchzogen. Margit ist wirklich schick. Kein Wunder. Schon im Gymnasium glänzte sie in den Fächern Zeichnen und Geometrie, sie hatte etwas von dem man sagt, dass Frauen es seltener als Männer haben: das Talent für die räumliche Vorstellung. Dass sie nach der Vierten nicht in eine HTL geschickt wurde, sondern auf die Kochlöffelakademie, hat sie ihren Eltern zu verdanken. Diese sahen für ihre attraktive Tochter die Karriere einer Ehefrau und Gastgeberin vor. Man befand sich nämlich in der gehobenen Bürgerklasse – der Vater war hoher Beamter, die Mutter Hausfrau.

Schon mit Fünfzehn „ging“ Margit mit einem der begehrtesten Jungen aus der Sechsten, er war schon zweimal durchgefallen und auch schon in einem der damals berühmten Internate gewesen, in denen ein jeder gegen gewisse Zahlungen die Matura „derpackte“. Aber bitte. Später, in Wien wohnten sie getrennt, Zusammenziehen vor der Ehe, das ging nicht. Sie studierte Architektur auf der Angewandten, er Wirtschaft. Als er mit dem Studieren endlich fertig war, arbeitete sie schon längst in einem renommierten Wiener Architekturbüro. Als ihr ein sehr fescher und erfolgreicher Werbefritze und Nobelhippie über den Weg lief, gab sie ihrem konservativen, Bier trinkenden Jugendfreund und mittlerweile Verlobten nach zehn Jahren den Laufpass. Alles, was sie zwischen 1968 und 1970 im Privaten versäumt hatte holte sie nun nach. Es waren wilde Jahre des Aufbruchs, die jedoch in einer bürgerlichen und konservativen Umgebung verankert waren.  Als sie schwanger wurde, verduftete der Erzeuger urplötzlich mit einem Fotomodell auf Nimmerwiedersehen nach Südamerika, wo die Revolution gerade sehr schick war.

Um weiter arbeiten zu können, gab sie das Kind zu ihren Eltern in die kleine Provinzstadt, wo es gut aufgehoben, aber viel zu weit weg von ihr verhätschelt wurde. Nun war sie im Dilemma. „Die Alleinerzieherin“, ein heute so gebräuchlicher, beinahe heiliger Topos, war noch nicht erfunden. Da ergab es sich gut, dass sie einen starken Mann traf, einen Flüchtling aus Polen. Sein Bruder war bei den Studentenunruhen in Warschau 1968 verhaftet worden und im Gefängnis angeblich an einer Infektionskrankheit gestorben, ihm war die Flucht gelungen, er hatte sein Studium in Wien in kurzer Zeit fertig gemacht und strebte eine internationale Karriere an. Kurzum: Er war ein interessanter, viel versprechender Mann, der Margit mitsamt ihrem Söhnchen heiratete und in gewisser Weise in Obhut nahm. Margits Talent für Architektur diente bald nur noch der Gestaltung der eigenen Räume, die bald zu einem eleganten „Auffanglager“ für regimekritische Polen wurde, die von Margit, die ihren Job aufgegeben hatte, willkommen geheißen wurden. Alles gratis und franko. Russischer Wodka floss dabei in Strömen und führte bei Margit zur Erkenntnis, dass man mit Wodka gut durchhalten kann, auch wenn sich der nunmehr sehr erfolgreiche Ehemann eine junge Frau aus Polen angelacht hatte.

Der folgende Rosenkrieg zwischen dem Paar dauerte zwanzig Jahre, von denen hat Margit die Hälfte in Entzugskliniken verbracht. Ihre Kinder wurden in teure Schulen ausgelagert. Sie haben alle in Brüssel oder sonst wo Karriere gemacht. Kein einziges lebt heute in ihrer Nähe. Der Ex hat, nachdem der Rosenkrieg beendet war, längst pleite gemacht. Es ist kein Cent an Alimenten für Margit vorhanden, sie bezieht eine Mindestrente. Gut, dass die Kinder zusammenlegen und es ihrer Mutter ermöglichen, ohne Existenzsorgen zu leben. Sie wohnt bescheiden, aber mit viel Geschmack. Sie ist elegant. Von Alkohol und Drogen befreit. Niemand sieht es ihr an, dass sie nicht aus dem Eigenen wirtschaften kann. Wenige wissen, dass sie ohne Pillen weder schlafen noch lachen kann. Sie besucht Ausstellungen, geht ins Theater, konsumiert Kultur. Aktiv daran teil zu haben, mit ihrem Können dazu etwas beizutragen, das hat sie versäumt. Sie grübelt den ganzen Tag über die Vergangenheit nach.

„Ach“ sagt sie „hätte ich nur meinen Beruf nicht aufgegeben. Das war der größte Fehler meines Lebens.“