Depression

„Depression ist keine Viruserkrankung. Daher auch nicht ansteckend wie Masern.“ So kommentiert Birgit Braunrath im Kurier auf der Titelseite des 16. 12. 2015 die 31%ige Steigerung an einschlägigen Pychopharmaka. Hoffentlich hat sie Recht, wenn sie damit rechnet, dass sich die neue Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger für mehr Prävention, mehr Eigenverantwortung und folglich mehr Psychotherapieplätze einsetzen wird, statt der bisher üblichen Symptombekämpfung mit Pillen statt Ursachenforschung durch Dialog.

Dennoch irrt sie in doppelter Hinsicht.

Rotraud A. Perner | Kaktusmenschen

Rotraud A. Perner | Kaktusmenschen

Erstens Ist Depression sehr wohl „ansteckend“ – nur sind es nicht Bakterien oder Viren sondern Gefühle. Intensive Neurotransmitterausschüttungen. Nicht erst seit der Entdeckung der Spiegelnervenzellen (vgl. Joachim Bauers Buch „Warum ich fühle, was du fühlst“) wissen nicht nur Psychoberufler, dass Emotionen, „Ausstrahlungen“ – und dazu zählt auch Musik und Sprache als  Klang unseres menschlichen „Ausdrucks“ – ansteckend sind. In den Supervision klagen psychotherapeutische Berufsanfänger immer wieder darüber, wie „ausgesaugt“ sie sich nach einer Stunde mit einem depressiven Menschen fühlen. Ich nenne das den Vampir-Effekt: Depression kann auch als mehr oder weniger starker Energiemangel verstanden werden – und depressive Menschen suchen nach Energiespendern; meist trifft es die eigenen Kinder oder auch Personen in Elternersatzberufen, Ärzte und Priester mitgemeint.

Depressionen können grob gesprochen aber auch als „nach innen gekehrte Aggression“ gedeutet werden, und diese wird zweitens oft durch verletzende Sprache (inhaltlich wie förmlich) ausgelöst, vor allem, wenn sie von Nahestehenden stammt – den Eltern, Partnerpersonen, Arbeitskollegen, Vorgesetzten … Auch das kann man Ansteckung nennen: Man gibt Aggression weiter – und der oder die, bei der sie landet, wird dadurch vergiftet.

Ich zitiere in diesem Zusammenhang gerne das Märchen vom Schneewittchen: Da geht es bekanntlich um Konkurrenz unter Frauen – und das Pseudokompliment des vergifteten Apfels – schaut oberflächlich schön aus, macht aber scheintot, das heißt depressiv. Das Leben entschwindet, man erstarrt, wird bewegungsunfähig und scheint dennoch am Leben zu sein. Erst wenn der Kotzbrocken heraus kommt, wird man wieder lebendig. Das ist, kurz gesagt, Psychotherapie: Die Seele vom Beziehungsgift reinigen.

Nur: Die Übeltäter bleiben wie sie sind.

Deswegen sollten wir alle denjenigen beistehen, die gedemütigt oder anderswie seelisch verletzt werden und aggressiv, d. h. deutlich Grenzsetzungen vornehmen.