Berufsdeformationen

„Das Faktum Frau sei für sie kein Thema“, zitiert Elfriede Hammerl die Bundespräsidentschaftskandidatin Irmgard Griss, „weil sie aus der Juristerei komme, wo es keine Rolle spiele, ob man ein Mann oder eine Frau sei.“

Frau Griss ist Jahrgang 1946 – also zwei Jahre jünger als ich. Ich habe von 1962–1966 an der Universität Wien Jus studiert und konstatiere: Dass sie dieser Ansicht ist, es gäbe „aus der Juristerei“ keinen Anlass, zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden, entspricht dem geistigen Niveau von damals. Bei ihr in Graz wird es wohl noch konservativer gewesen sein …

Mir war es wichtig, mehr als nur eine Fachsicht zu erwerben; deswegen habe ich nach meiner Promotion noch Soziologie, Sozialtherapie, Psychoanalyse und vier weitere psychotherapeutische Methoden studiert, dazu auch noch Erwachsenenpädagogik und letzthin evang. Theologie … und weiß auf Grund dieser erworbenen Mehrperspektivität nur zu genau, wie negativ sich die unbewusste Ignoranz von Geschlechterdifferenzen auswirkt – wie sie eben auch in dieser Aussage zu Tage tritt. (Da sind die Mediziner_innen schon weiter – die haben die Notwendigkeit einer Gendermedizin schon erkannt.)

Das Problem liegt vor allem darin, dass viele Richter_innen in ihrer als Prinzip garantierten Unabhängigkeit, Unversetzbarkeit und Unabsetzbarkeit zu übergroßer Selbstgerechtigkeit neigen (wie übrigens auch die meisten katholischen Priester). Im Sinne von Jörg Fengler kann man dies als „Berufsdeformation“ beschreiben (so wie z. B. Angehörige von Psycho-Berufen dazu neigen, alles „ausreden“ zu wollen).

Wenn jemand etwas nicht sieht, heißt das nicht, dass es nicht da ist (und umgekehrt).

Deswegen fordere ich seit langem, dass Jurist_innen nicht nur „höchstens“ Kurzpraktika bei Gericht oder gerichtsnahen Institutionen wie dem Weißen Ring oder Interventionsstellen gegen Gewalt, sondern in der Basis-Sozialarbeit absolvieren sollen – dort, wo Menschen so schwach geworden sind, dass sie durch die Maschen des sozialen Netzes gerutscht sind; und zwar auf längere Zeit, nicht nur zwei Wochen lang, und dazu auch begleitend eine analytische Supervisionsgruppe – damit sie erkennen, dass und wie der „ganz normale“ Alltagsblickwinkel behindert, Geschlecht nicht nur biologisch wahrzunehmen – und wo der Vorteil liegt, Menschen als geschlechtslose „Akten“ zu betrachten.