Beim Barte des Propheten

Über Kopftuch und Burka wird viel diskutiert. Aber wer redet über den Bart?

Seit der Trennung von meinem Partner leiste ich mir einen Personal Fitness Trainer für den Körper und einen Personal Gipsy fürs Gemüt. Für den Rest werde ich auch noch jemanden finden.

Der Fitnesstrainer heißt Jürgen, ist erfrischende 35 und einfühlsam. Wir üben dreimal in der Woche Gleichgewicht, Kraft und Kondition, für Siebzig Euro pro Stunde.

Mein Gipsy heißt Andras, er ist 45 und Bettler. Von Dienstag bis Samstag steht er an der Ecke Währingerstrasse/Kutschkermarkt. Er grüßt freundlich, begleitet gebrechliche Menschen über den Zebrastreifen und trägt älteren Damen die Einkaufstaschen, wofür sie ihn belohnen. Zum ersten Mal sah ich ihn an dem Tag, an dem ich von einer schweren Krankheit aus dem Krankenhaus als geheilt entlassen wurde. Damals gab ich ihm einen Hunderter und helfe seither, wenn er über Schmerzen klagt, über eigene oder die von seinem Bruder in Rumänien. Er dankt wahlweise mit Gottes Segen oder galant mit Handkuss.

Meine beiden Coaches habe ich über drei Monate lang nicht gesehen, weil ich nicht in Wien war. Nun bin ich wieder da und muss feststellen: Jürgen und Andras tragen Vollbart! Dass dafür verschiedene Gründe vorliegen, ist anzunehmen.

Der VOGUE entnehme ich, dass Bärte „in“ sind. In der letzten Ausgabe sehen die männlichen Models alle wie IS Terroristen in hautengen Anzügen aus. Auch eine Mc Donalds TV Werbung setzt auf Bart: Aus einer Zahl von Kandidaten, die gerade einen Hamburger geschmaust haben, wählt eine blonde Prinzessin mit geschlossenen Augen ihren Favoriten aufgrund eines Probekusses aus. Ihre Wahl trifft auf den jungen Mann mit Rauschebart. Zufrieden brabbelt er Gran Royal und küsst die Prinzessin noch einmal. Oh, Graus.

Wer trat den Bart-Hype los?
Der IS?
Oder Conchita?
Kehrt Fidel Castro zurück?

Beim Barte des Propheten: Ich weiß es nicht. Auch nicht, ob es die Orthodoxie ist, die fröhliche Urständ feiert. Egal ob serbisch, russisch, griechisch, armenisch, jüdisch oder Amish; in der Orthodoxie gilt: je länger der Bart, desto ehrwürdiger der Mann der ihn trägt. Die Frauen in diesen Welten bedecken ihren Kopf, mit Schleier, Tuch oder Perücke.

Nicht jede Barttracht, hat religiöse Gründe. Im Alpenland zum Beispiel gibt es neben dem Gamsbart, der eine Art Bartersatz für den Eigenbart ist, auch noch den Wurzelsepp-Bart. Erinnert sich jemand an den bärtigen Kaspanaze Sima, den ersten grünen Politiker Vorarlbergs? Ihm sieht der Sohn meiner Freundin ähnlich. Die Freundin ist verzweifelt. „Wir haben schon andere Moden überstanden“ tröste ich sie, zum Beispiel Schnauzer und Koteletten. Sei froh, dass ihm kein wippendes Zöpfchen wie bei Roland Düringer vom Kinn hängt“. Was ich ihr nicht sage ist, dass ich froh bin, meine Söhne in festen Händen zu wissen. Ihre Frauen müssen ihre Bartstoppeln küssen. Nicht ich.