Apropos Wertekurse

Nachdem ich schon drei Jahre eine syrische Asylantenfamilie mit drei Kindern betreue und damit ziemlich viel Freude und Erfolg ernte, übernahm ich diesen Herbst zusätzlich einen Deutschkurs für erwachsene Flüchtlinge. Zwölf riesige Männer, man kann ruhig sagen „Lackln” aus Nigeria, Algerien und Persien sitzen mir und einer ebenso ehrenamtlichen Co-Lehrerin nun eine Stunde pro Woche an einem großen Tisch gegenüber. Der Großteil von ihnen schwarz wie die Nacht.

Ihr Können und ihre Begabung zum Lernen sind unterschiedlich, alle sind jedoch recht engagiert und bemüht. Zum Éclat kam es auch nicht wegen irgendwelcher Artikel-, Fall- oder Vokabelfehler. Sondern wegen des Tragens von Baseballmützen im Unterricht.

Sobald es kalt wurde, nahmen einige von ihnen ihre Kopfbedeckungen nicht mehr ab. Zogen auch ihre wattierten Anoraks im geheizten Raum nicht mehr aus.

Ab nun begann ich jede Unterrichtsstunde, sanft und höflich im Ton, mit folgendem Satz: „Laßt uns also beginnen, nehmen Sie bitte ihre Kappen ab, legen Sie die Handys weg, wir fangen an.“ Zuerst kam einmal die Gegenfrage: „Wieso die Kappen?“ Ich erklärte, dass es höflich sei, im Klassenzimmer keine auf zu haben. Das nahmen einige zur Kenntnis, ein einziger nicht. Er wurde laut und erklärte in seiner vertrauten Sprache: „I’m not a child. The cap is part of my outfit!” Einige antworteten ihm: „But it’s not polite!“ Doch er blieb dabei und ließ die Schirmmütze, die sein halbes Gesicht verdeckt, auf.

Diese Kontroverse erhitzte die Gemüter, eine Konferenz aller freiwilligen LehrerInnen, der Großteil 50plus, wurde angesetzt, an der auch die Leiterin der Notschlafstelle teilnahm, in der die jungen Männer alle untergebracht waren und wo der Deutschunterricht verpflichtender Teil dieser Unterbringung ist.

Zum Thema Baseballmützen und Hauben: Was soll ich sagen? Der Grossteil der Anwesenden erklärte die Benimm-Regel des Hutabnehmens im Raum heute für obsolet. Die Burschen dürfen künftig ihre Mützen – ob Wollhauben oder Schirmkappen – im Unterricht auf belassen. Eine der Pro-Kappen-Fraktion erklärte stolz: „Bei mir zu Hause lässt mein Schwiegersohn die Mütze sogar beim Mittagessen auf.” Ein mir selbstverständlich scheinendes österreichisches Höflichkeitsgebot war also gefallen. Die Anti-Kappen-Fraktion war überstimmt. Mit dem Hute in der Hand, kommst Du durch das ganze Land, wurde am Misthaufen entsorgt.

Ist es wirklich entsorgt? Wird dieser Nigerianer, der künftig einen Job in Österreich sucht, mit der Mütze am Kopf bei seinem Chef willkommen sein?

Im Zuge der vielen Diskussionen, die ich seither führe, werden die Kipa der Juden, die Turbane der Sikhs, ja sogar das Künstlerkeppi des kürzlich verstorbenen Malers Ernst Fuchs angeführt. Diese alle würde niemand von uns zum Ablegen der teilweise religiös motivierten Kopfbedeckung auffordern. Aber die Wollhaube? Die Baseballmütze?

Um Meinungen wird gebeten – Sie können unterhalb einen Kommentar zu diesem Beitrag schreiben …

Und: Fortsetzung folgt.

1 Antwort
  1. Friederun Pleterski says:

    Hallo Senta.
    gratuliere, Du erteilst Deutsch Unterricht. Das scheint ja einfacher als Benimm-Unterricht zu sein, und sehr viel leichter als WERTEKUNDE. Der Vorteil des Basis-Sprachunterrichtes ist es, dass man sich an Lehrbücher und feste Grammatikregeln halten kann. Das ist beim guten Benehmen und den alpenländischen (?) Werten nicht so. Wo bitte sind die Regeln? Wo der „Ellmayer für alle“?
    Im engen Kreis lässt sich, wie bei Euch, einiges regeln, so zum Beispiel die Sache mit der Kopfbedeckung. In der alpenländischen Kirche etwa, nimmt der Mann den Hut ab, auch, wenn die Kirche keine Heizung hat. Trüge die Dame eine Baseball Kappe, müsste sie diese auch abnehmen. Trägt sie aber einen schönen Hut, so darf sie ihn aufbehalten. Kompliziert wird es im öffentlichen Raum. In ihm sind längst Regeln fällig. Bildung, so heißt es, wird vererbt. Gutes Benehmen auch. Da ist einiges schief gelaufen, in jüngerer Vergangenheit und Gegenwart. Und jetzt haben wir den Salat.
    Viel Erfolg mit Deinen Schülern wünscht Dir
    Friederun Pleterski

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